Re: Spaziergänge mit "Hamlet"
Geschrieben von Andreas am 29. August 2003 14:05:41:
Als Antwort auf: Re: Spaziergänge mit "Hamlet" geschrieben von Jürgen am 29. August 2003 10:01:57:
Hallo Hans-Georg,
Hallo Jürgen,oh mein Gott - welch Bürde lastet hier auf meinem Haupt. Wie gesagt, und das obwohl ich grad in drei anderen Dramen hänge und einen noch spielen muss. Aber ich finde das so wunderbar und freu mich drauf.
Erstmal danke Hans-Georg für deine Ausführlichkeit und den Goethe Vergleich (auch wenn ich persönlich mit Goethe nicht viel anfangen kann, schon gar nicht im Theater - outing auch hier, aber das liegt wohl auch im ewigen Streit zwischen Hessen und RLP...)
Zurück zum Stück.
Die Ausgangsposition
Sicherlich, meine knappe Aussage, alles sei geregelt, ist etwas sehr knapp. Auch wenn ich aus der Lameng nicht sogleich alles mit Textstellen begründen kann. Das es in Dänemakr brodelt und die Fronten exemplearisch eingeführt und geklärt werden liegt auf der Hand. Die Vielschichtigkeit der Probleme ist spannend und so glaube ich, wird die Kriegsgefahr sicherlich in den Vordergrund für den Erstleser/Erstzuschauer treten - platt gesagt, sowas ist natürlich erstmal spannender. Alle anderen Schauplätze und Ebenen komplettieren das Bild, aber eine gewisse positive Irreführung des Publikums ist nicht so ganz von der Hand zu weisen. Das Stück könnte in alle Richtungen loslaufen, teilweise tut es das ja auch (platt gesagt ein Meisterwerk eben). Für mich ist entscheidend, das die Erscheinung des Geistes sozusagen den Blick gerade rückt und den Mord des Vaters, die geforderte Rache und Hamlets Haltung zu allen Vorgängen endgültig in den Mittelpunkt der Handlung rückt.
Bei allen Hinweisen die Hamlet gibt, die wir erfahren, gerade seine Konfrontation angesichts der Thronrede Claudius, liegt aber auch der Verdacht nahe, das Hamlet an der Situation zu kapitulieren scheint und flüchten will. Von daher meine Aussage, alles ist geregelt, die Wege und das Verhalten der Personage "vorprogrammiert" - bis der Geist erscheint.Als Theatermann liegt bei der Geistererscheinung eh die Adaption, die Umkehr des Deus ex machina auf der Hand und vielleicht führt mich da Herr Schakespeare bewusst in die Irre (den den deus ex machina kannte und kennt ja auch das Publikum nur allzugut)in dem er mir eine einfache Antwort präsentiert, nur um mir zu zeigen, das es so einfach nicht ist und ich mich gefälligst auf die Suche machen soll nach all den anderen Hinweisen. Ein solcher dramatugrischer Kniff kommt sehr oft in seinen Werken vor - der Barde spielt gekonnt und bravourös mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer um sie zu brechen, zu verwirren und ihnen etwas neues, eben geniales, präsentieren zu können (Ich erinnere nur an den Seitenlangen Aufmarsch aller trojanischer und griechischer Helden in Troilus und Cressida, welche allesamt im Laufe des Stückes mehr oder weniger zu Nebenrollen werden, aber der Mythos ihrer Namen strahlt zu Beginn des Stückes und man kann sich kaum entscheiden auf wen man achten möchte, noch kommt man kaum mit seinen eigenen Kenntnissen des trojanischen Krieges hinterher - vertieft man sich darin, ist man auf der falschen Fährte und überhört, übersieht Cressidas pikante Kommentare über die einzelnen Helden). Angenommen also, der Geist wäre nur ein Mittel unter vielen, um uns auf die Komplexität der Problematik aufmerksam zu machen. Dies würde bedeuten, oder zumindest dazu auffordern, das bereits alle Beteiligten des Dramas ihrer Haltung entsprechend einen Plan für ihr Vorgehen bereit hätten. Hamlet seine Ablehnung gegen Claudius bereits verknüpft hätte mit dem konkreten Mordvorwurf etc.. Dann wird es natürlich schwierig erzählen zu wollen, das beinahe alle Beteiligten scheinbar "schuldlos" an ihrem späteren Verderben "stricken", der Opferaspekt also sehr in den Hintergrund rücken muss, da wir es hier mit Vorsatz zu tun hätten, gut getarnt in ausgefeilten Provokationen auf der Bühne einer Hofetikette. Wenn es so ist, dann bin ich mit meiner Interpretation meilenweit entfernt und irgendwann hoffnunsglos verloren.
Was also ist der Geist ?
Auslöser, theologisch nach Augustinus gesprochen, also der erste Beweger, der Auslöser, die Personifikation Gottes, des Schicksals ? Ist der Geist also katholisch ?
Nun gut, gewisse katholische Mythen sind in Hamlet oft zu finden (entschuldigt jetzt bitte das ich nicht sofort Textstellen beifüge - aber z. Bspl. Ophelias Blumen, entsprechen beinahe alle dem Arrangement eines Blumen/Kräuterbuketts zur Segnung an Maria Himmelfahrt, Hamlets Forderungen nach Beichte seiner Mutter und der "Josefsehe" mit Claudius, als einzige katholische Form wie es erlaubt sein kann der Blutschande zu entgehen, aber dennoch ein monarchistische Verbindung zu legitimieren; der Ruf Ophelia ins Kloster zu schicken um ihre Seel vor den Männern zu retten, etc., bishin zur perfekten theologischen Definition von Suizid bei den grandiosen Totengräbern). Das ganze wird nur sehr schwierig auszuloten, da die anglikanische Kirche, noch sehr viele Aspekte der katholischen Glaubenspraxis, mit der dogmatischen Lehre der damaligen unterschiedlichen protestantischen Strömungen vermischt und eben zu einer neuen Kirchenform konstruiert. Insbesondere die Innenpolitik Elisabeths, war sehr um "Annäherung" aller Strömungen bemüht um einen Religionsfrieden zu erhalten. Es könnten also klare Hinweise auf die Berechtigung gewisser ursprünglicher katholischer Kirchenpraktiken sein, welche zur damaligen Zeit zum "Kanon" der anglikanischen Kirchenpraxis gehörten - somit wären es keine verstecken katholischen Hinweise, sondern klare, von der Zensur "gewünschte" Hinweise. Das wäre allein ein absolutes Thema wert, zumal der Forschungsstreit um Shakespeares evtl. katholische Vergangenheit, oder sogar Priestertätigkeit während der "verlorenen Jahre", noch lange nicht entschieden, noch gut durchdacht ist.
Aber, bleiben wir beim Geist bei diesem "theologischen" Ansatz, nämlich dem der Offenbarung des Schicksals. Sprich greift hier das Schickal vorsätzlich ein ? Der Geist wird von vielen gesehen und bezeugt, jedoch die wahre Gestalt des toten Königs wird nur vermutet, nicht bewiesen. Es braucht Hamlets Begegnung um alle Zweifel zu zerstreuen. Ist es also eine rein persönliche Offenbarung ? Ist es etwas Hamlets psychiche Belastung die aus einer "normalen" übersinnlichen Erscheinung, alle Beteiligten stehen unter enormen Druck, die aus einem Geist, Hamlets Vater werden lassen ? Shakespeare spielt damit, der Geist wird bezeugt, aber die Botschaft ist alleine für Hamlet. Es kann ebenso ein Hinweis darauf sein, das Hamlet wirklich verwirrt ist, nicht mehr Herr seiner Lage und dieses Phänomen in Helsingör nützt um sein Handeln zu legitimieren. Er also wirklich im Wahn versucht alles zu ändern um alle ins Unglück zu stürzen, kompromisslos und selbstsüchtig. Hier kommt es jetzt wirklich auf jedes Komma und jedes Wort dieser Szene an um diese Frage zu klären.Von daher, nur meine Erählweise im Theater etwas zu erklären. Ich gehe sehr gerne, beinahe immer davon aus, oder versuche es so zu inszenieren, das ich den Zeit- und Handlungsrahmen des Stückes und seiner Personen, dem des Publikums angleiche. Sprich alle Beteiligten des Theaters erfahren zur selben Zeit, am selben Ort in einer konkreten Situation, das, oder eines der Ereignisse, welche die Handlung vorantreiben. Ich versuche sozusagen den allerersten Moment herzustellen, ohne erorderliche Vorkenntnisse des Publikums, oder ohne klar ersichtliche und übergeordnete Interpretationsaussage. Letztendlich immer ein Versuch, denn herstellen kann man eine solche Situation nur ungenügend - alle interpretieren sofort und jeder sieht, hört und spielt das was ihm dabei wichtig ist. Aber es ermöglich zu mindest eine gewisse Offenheit. Daher ist mir der Moment des tatsächlichen Eingreifens des Geistes so wichtig und darauf baut beinahe meine gesamte Theorie. Wenn ich also erzähle, das alle nur eine "Ahnung" davon haben, das etwas faul ist in Dänemark, und ich alle entsprechend "ziellos, beliebig, rein persönlich" azuf der Bühne agieren lasse, dann braucht es diesen Moment, mit dessem Wissen Publikum und Ensemble gemeinsam sich auf den Weg durch das Stück machen. Gewagt - sicherlich, sich Chancen nehmend - klar, stark in das Stückgeschehen als komplexes literarisches Werk eingreifend und evtl. sogar verkürzend - bestimmt. Das ich mit diesem Ansatz beinahe alle verwirre ist mir auch klar - denn so entwerfe ich eine Inszenierung die sich einer klaren "gesellschaftspolitischen Aussage der modernen Zeit" verweigert, ebenso einer "bildungsbürgerlich tradierten" Sichtweise entgegen steht - denn mein Hamlet würde nie sinnierend zu Beginn an der Rampe stehen dürfen um den Eindruck zu erwecken, er habe die philosophische Erkenntnis.
Praktisch gesehen gibt das bei Proben immer Streit mit den Schauspielern, da ich ihnen niemals sagen kann, so ist es und nicht anders und alle Englischlehrer hassen mich für meine Arbeit, weil ich niemals die selbe Interpretation gebe, wie sie es im Unterricht versuchten - beinahe als würde ich Hamlet onan... lassen um zu provozieren. Tja, Pech gehabt, ich sagte doch ich sitze zwischen allen Stühlen ....So jetzt rennt mir die Zeit weg. Aber die Gertrud Frage muss ich zumindest noch ansprechen. Ich glaube nicht, das sie so unnütz ist, wie die Frage nach Lady Macbeths Kinderzahl (es genügt das die Lady hier um einen Säugling trauert und das heikle Thema zur Sprache bringt zwischen ihr und ihrem Mann, ob er nun Zeugungsunfähig oder gar Impotent ist, sie ihn nur dafür hält, sie einfach sexuelle Probleme haben, oder sie unfruchtbar ist, sie nur Töchter gebären kann, oder Fehlgeburten hatte ist uninteressant - wenn es einer Schauspielerin hilft diese Szene zu spielen, darf sie sich eine der Möglichkeiten aussuchen, doch die Szene hat eine andere Aussage als diese Frage beantworten zu müssen). Meine Überlegung bei Gertrud als Königin ist die folgende: Hamlet ist der Kronprinz, aber nicht der Nachfolger. In der heutigen Zeit kennen wir diese Problematik eben nur noch von Prinz Charles, oder eben von allen unmündigen und noch minderjährigen Thronfolgern. Sprich ist Hamlet 17 oder wie Charles 45 ? Alleine wenn ich einen Schaupieler besetze, beantworte ich diese Frage und somit öffen ich neue Türen, oder schließe wichtige Türen. Ein 45jähriger Hamlet, wird mit seiner Wut anders umgehen als ein 17jähriger - und somit wären wir schon wieder bei seinem Affront bei Claudius Thronrede - gezielt, weil wohl durchdacht, oder nur eine spätpupertäre Revolution, die quasi per Zufall den Nagel auf den Kopf trifft. beinahe böse gesagt, durfte Herr Brannagh, auch mit jugendlich blondierten Haaren Hamlet spielen ????
Ebenso wird für mich das Schweigen Gertruds wichtig. Wenn Sie Regentin wäre, und somit Claudius ihr Amt vertreten lässt, ist sie entweder eine schwache Persönlichkeit, oder dumm, evtl. um zu aktualisieren einfach nur ein verwöhntes Designergeschöpf in den Wechseljahren, oder ist sie Claudius hörig ? Dementsprechend würde sich der Hof ihr gegenüber verhalten und Hamlets Affront hätte eine größere oder kleinere Wirkung gegenüber Claudius.
Ebenso, da ich das aus der Praxis kenne und was auch ihr schon öfters bemängelt habt - heute ist eine Auflehnung gegen die Mutter, beinahe normal. Alleine die feine, kleine Unterscheidung wann geduzt und gesiezt wird, ob man die "Mutter" mit Vornamen, oder Ttiel nennt und was es bedeutet diese verbale Grenze zu überschreiten, ist beinahe schon ein Relikt einer anderen Epoche. Von daher, gitb es diese "Inszenierungsausrutscher" von Vergewaltigungen und ähnlichem. Aber, sie hätten dann ihre Berechtigung, wenn Gertuds Status eher der der alkoholisierten Designerklamottentrageden vernachlässigten Managerehefrau ohne Einfluss ist, denn eine Königin mit Macht und Verantwortung. So unbedeutend finde ich Frage also nicht.
Mal ganz abgesehen davon - wir haben mit Elisabeth I eine jungfräuliche Königin auf dem englischen Thron. Die Erbenfrage in Gestalt des schottischen Jakob ist konkret und wohl auch in gewissen Kreisen Tagesgespräch. Die Gattenwahl der Königin entscheidet über die Zukunft des Landes - dito. die Situation in Hamlet. Brisant, brisant, wenn das Stück dann endet mit der Okuppierung durch Norwegen und der Auslöschung der gesamten Familie. Hamlet also etwa auch politische Aussage, Provokation, Satire auf die Thronfolgeregelung in England ???
Es ist sicher nur ein Nebenaspekt der Handlung, so dumm dreist und offensichtlich wäre die Zensur sofort eingeschritten. Aber eben, wenn es darum geht, Hamlet zu inszenieren um die aktuelle Berechtigung eines 400 Jahre alten Stückes aufzuzeigen, ein wunderbarer Nebenschauplatz und eben Ansatzpunkte für eine anders geartete Neuinterpretation - ohne das Werk zu verlassen. Man muss sich entscheiden, welche Gertrud man inszenniert - man hat nun mal sehr selten eine Judy Dench oder Glen Close bei der Hand, die einen solchen Spagat erfüllen können ohne ihn beantworten zu müssen. In der grausigen Mel Gibson Verfilmung macht das Frau Close grandios - da stellt sich nicht mehr die Frage on Gertrud nur Mutter, Ehefrau oder Königin ist. Auf der Bühne muss ich aber leider diese Frage beantworten, auch um arbeiten zu können. Von daher ist für mich diese Frage wichtig, weil ich hier eine eindeutige Entscheidung treffen muss und somit das Stück eindeutig interpretiere. Das die Figur der Gertrud gebrochen werden kann, facettenreich gespielt werden sollte ist klar, aber auf welcher Basis erarbeite ich dies ?
Und wie gesagt, es wird dadurch sehr konkret bei der Besetzungsproblematik, wie alt wie jugendlich hat der Hamlet zu sein, welche Frau wäre eine Gertrud und was muss Claudius alles mitbringen um es erzählen zu können. Ein glorreicher, gutaussehender, tatkräfitger Bilderbuchkönig als Claudius lässt nunmal auch seine Inrigen im anderen Licht erscheinen, als ein altes sabberndes Männlein das nur die Krone oder Gertruds Brüste haben wollte ... Alle können den Text jederzeit sprechen, aber hören und erleben wird man ihn immer anders. Nur, genau hier greife ich bereits Elementar in das Stück ein und drücke meine Interpretation jedem direkt aufs Auge. Und von daher muss ich wissen was ich tue, warum ich es tue, welche Konsequenz es hat und welcher Kritik ich mich stellen muss.
Da es mein selbsauferlegter Anspruch ist, so offen wie möglich den Ansatz einer Inszenierung zu halten, liegen genau hier für mich die Knackpunkte, von denen aus, ich mich dann von Zeile durch Zeile, Szene zu Szene und Charakter zu Charakter kämpfen muss. Dann kann man mir zwar am Ende vorwerfen das ich komplett falsch liege, oder meinetwegen auch behaupten das ich den Schlüßel zur Glückseligkeit gefunden habe, der Nachweis kann nur geführt werden in der Konsequenz und Stringenz meiner tatsächlichen Inszenierung. Somit kann ich eine Kritik vom Vorwurf einer Beliebigkeit, oder Geschmachssache, befreien und mich somit den Kritikern stellen und herausfinden wie "qualifiziert" diese ist.So und jetzt muss ich los, gleich ist Aufführung.
Gruß,
Andreas
- Re: Spaziergänge mit "Hamlet" Jürgen 29.8.2003 21:32 (14)
- Re: Spaziergänge mit "Hamlet" Hans-Georg 30.8.2003 18:24 (13)
- Re: Spaziergänge mit "Hamlet" Jürgen 31.8.2003 13:47 (12)
- Re: Spaziergänge mit "Hamlet" Andreas 03.9.2003 11:00 (11)
- Re: Spaziergänge mit "Hamlet" Janine 18.9.2003 20:18 (10)
- Re: Spaziergänge mit "Hamlet" Jürgen 18.9.2003 21:49 (9)
- Re: Spaziergänge mit "Hamlet" Janine 19.9.2003 11:57 (8)
- Hamlets Rache Jürgen 19.9.2003 14:09 (7)
- Re: Hamlets Rache Paulus Bacon 21.9.2003 14:45 (5)
- Re: Hamlets Rache Jürgen 22.9.2003 11:43 (4)
- Re: Hamlets Rache Paul 23.9.2003 12:41 (3)
- Re: Hamlets Rache Jürgen 23.9.2003 16:53 (2)
- Re: Hamlets Rache Paul 24.9.2003 12:10 (1)
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- Re: Hamlets Rache Andreas 19.9.2003 16:20 (0)