Re: Hamlets Rache


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Geschrieben von Jürgen am 22. September 2003 11:43:41:

Als Antwort auf: Re: Hamlets Rache geschrieben von Paulus Bacon am 21. September 2003 14:45:15:

>>Man darf zuerst nicht vergessen, dass die Einsicht, dass Rache am Ende zu nichts führt, sondern nur zu einer entsetzlichen gegenseitigen Abschlachterei, erst eine Erkenntnis der Aufklärung ist. In allen moralischen Systemen davor, auch in der Bibel, war Rache stets ein notwendiges und wirksames Korrektiv für die "Unordnung der Welt". So ist es auch im "Hamlet". Unsere Welt besitzt keine einheitliche Wertnormierung mehr, also lässt sich auch durch Rache die Verletzung ihre Grundwerte nicht mehr heilen, das weiß jeder Kluge. Sogar unser Strafrecht hat den Rache-Gedanken seit gut 100 Jahren hinter sich gelassen.
>
>Kleine, leicht korrigierende Ergänzungen:
>"Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern laßt Raum für den Zorn Gottes; denn in der Schrift steht: 'Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr'. Vielmehr wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Laß dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!'"
>Paulus, Röm. 12,19 und folgende
>"Revenge is a kind of wild justice; which the more man's nature runs to, the more ought law to weed it out. For as for the first wrong, it doth but offend the law; but the revenge of that wrong, putteth the law out of office.
>...
>This is certain, that a man that studieth revenge, keeps his own wounds green, which otherwise would heal, and do well. Public revenges are for the most part fortunate; as that for the death of Caesar; for the death of Pertinax; for the death of Henry the Third of France; and many more. But in private revenges, it is not so. Nay rather, vindictive persons live the life of witches; who, as they are mischievous, so end they infortunate."
>Sir Francis Bacon, 1601

Danke, liebe aus dem Grabe erstandene Paulus-Bacon-Reinkarnation für die Hinweise! Du lieferst selbst das Stichwort: "private revenges". Darum geht's hier, bei Paulus wie bei Bacon. Paulus will Raum schaffen für die Rache des Herrn im Himmel, Bacon für die des Herrn auf Erden. Darum argumentieren beide massiv gegen den emotionalen Rachefeldzug eines Einzelnen - nehmen wir Meyers schöne Ballade von den "Füßen im Feuer" als gelungenes Gleichnis und Charles Bronson in einem seiner frühen Filme als Gegenbeispiel. Rache ist dann nicht statthaft, wenn sie nur dem eignen inneren Gefühl der tödlichen Verletzung Genugtuuung schaffen soll. Dafür ist Gott am Jüngsten Tage da oder eben die Justizbehörden (soll sich eben denken der arme "private" rachedurstige Mensch).

Ganz anders der Fall hier: Hamlet soll "offiziell" rächen, qua Legitimation vom Gekränkten selbst! Und der ist kein Privatmann, sondern der von Gott eingesetzte König der Dänen! Hamlet erwägt den Racheakt nicht, weil er nun keinen Papa mehr hat, sondern weil zum Himmel schreiender Rechtsbruch begangen wurde. Hamlet ist nicht selbsternannter "Rächer der Enterbten", sondern quasi göttliches Instrument der Bestrafung, darum wird der Auftrag ja als aus dem Jenseits kommend vorgestellt! Damit geht das Stück los! Nicht etwa mit einem aus Wittenberg herbeieilenden vor Zorn und Schmerz rauchenden Sohn.

Wie schon gesagt: Der Konflikt wird deutlich dadurch, dass Hamlet diesen Auftrag nicht "einfach" ausführt, als sei er ein Werkzeug, und basta, sondern sich selbst damit als Subjekt in Beziehung bringt. Das hat zur Folge, dass er den "göttlichen" Auftrag nicht mehr ausführen kann, statt dessen aber alles geschehene Böse introjiziert, das heißt zur eignen persönlichen Qual werden lässt. Nun kann er gleichsam nicht mehr als göttliches Werkzeug handeln, Rache ist nun nicht mehr denkbar, vielmehr nimmt er das Böse "auf sich". Aber nicht wie Christus, der das Böse dadurch tilgt, dass er es auf sich nimmt und als Opfer stirbt, sondern indem er die Rache-Gründe privatisiert und damit jenes Wüten beginnt, das Paulus wie Bacon verbieten: Er entzieht Ophelia die Liebe und tötet sie damit, er straft die Mutter durch grässliche Vorwürfe, er tötet "im Vorbeigehen" den Polonius, der als Dummrian dargestellt ist und gerade darum gewiss keine todeswürdige Schuld hat, er zwingt den Onkelkönig zum Mordversuch und tötet auch ihn, etc. etc. Das heißt alle seine guten Fähigkeiten werden korrumpiert durch das internalisierte Böse. So meint es Karl Kraus, wenn er den Horatio in der Vorrede zu den "Letzten Tagen der Menschheit" zitiert: "...so sollt ihr hören, von Taten, fleischlich, blutig, unnatürlich, zufälligen Gerichten, blindem Mord, von Toden durch Gewalt und List bewirkt,...". So eben darf Rache nicht verlaufen, so muss sie aber hier doch verlaufen. Das ist der Skandal.

Jürgen







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