Re: Hamlets Rache


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Geschrieben von Jürgen am 23. September 2003 16:53:06:

Als Antwort auf: Re: Hamlets Rache geschrieben von Paul am 23. September 2003 12:41:04:

>Hallo, Jürgen,
>interessanter Gedanke, aber ich habe ein paar Einwände:
>1. Die Rache bei Paulus war wohl unter ALLEN Umständen unstatthaft und nicht nur als privatistische: der rächende Gott des AT wird ja im NT grundsätzlich durch die Sache mit der rechten und der linken Backe abgelöst.
>Die Skrupel und die Justiztreue eines Bacon waren wesentlich durch die Anarchie der barbarischen Bürgerkriegsvergangenheit bedingt; Justiz im erstarkenden zentralistischen Staat der frühen Neuzeit wurde als Element der Befriedung und Zivilisierung der Sozietät verstanden – gegen das alte Konzept von Rache als gerechtigkeitswiederherstellender Tat, das an den Rand der nationalen Selbstzerstörung geführt hatte. Eine seinerzeit äußerst fortschrittliche Überlegung: Rache als Handlungsmaxime der auf ihren Ehrenkodex pochenden alten Adelsschicht existierte natürlich noch, geriet aber in Widerspruch zur vernünftigen Staatsräson der neuen Zeit und wurde entsprechend angezweifelt. Daß Rache auf der Staatsebene „fortunate“ ist wie bei Cäsar, etc., wie Bacon schreibt (gemeint wohl etwa: gelingend), heißt sicher nicht, daß er sie billigt.
>2.Deine These: „Hamlet ist nicht selbsternannter "Rächer der Enterbten", sondern quasi göttliches Instrument der Bestrafung, darum wird der Auftrag ja als aus dem Jenseits kommend vorgestellt!“
>Es handelt sich nun aber nicht um einen zweifelsfreien, bedingungslos zu befolgenden „göttlichen Auftrag“; Hamlet hört nicht die himmlischen Stimmen einer Jeanne d’Arc in anbetender Hingabe an die göttliche Offenbarung und Vorsehung, sondern:
>Angels and ministers of grace defend us!
>Be thou a spirit of health or goblin damned,
>Bring with thee airs from heaven or blasts from hell,
>Be thy intents wicked or charitable,
>Thou comst in such a questionale shape… I,4,39
>Der Racheauftrag aus dem Jenseits erscheint nicht so sehr „göttlichen“, sondern eher infernalischen Ursprungs, es spricht nicht der „Herr der Gerechtigkeit“ selbst, sondern ein armer verdammter Sünder in den Qualen des Fegefeuers (katholisch, wie hier irgendwo im Forum richtig gesagt wurde):
>I am thy father's spirit,
>Doomed for a certain term to walk the night,
>And for the day confined to fast in fires,
>Till the foul crimes done in my days of nature
>Are burnt und purged away. I,5,9
>Hamlet weiß dies nicht einzuordnen:
>O all you host of heaven! O earth! What else?
>And shall I couple hell? I,5,92
>The spirit that I have seen
>May be a devil, and the devil hath power
>T’assume a pleasing shape, yeah, and perhaps,
>Out of my weakness and my melancholy,
>As he is very potent with such spirits,
>Abuses me to damn me. I'll have grounds
>More relative than this…. II,2,593
>Der - wie du meinst - „göttliche“ Auftrag wird recht rationalistischen Prüfungen unterzogen; es könnte eine Täuschung sein. Richtig ist natürlich, daß es sich nicht um Privatistisches zwischen Papa und Sohnemann oder um Robin Hood handelt: der Geist bewirkt immerhin, daß „we fools of nature/So horridly to shake our disposition/With thoughts beyond the reaches of our souls“. Die Erschütterung ist fundamental, ein Riß geht plötzlich durch die Natur – aber ein „offizieller göttlicher Rache-Auftrag“ ist das nicht; mit der metaphysischen Erscheinung des Geistes und seinem Racheauftrag ist für Hamlet keine fraglose, legitime, abgesegnete „offizielle, göttliche“ Rache-Pflicht verbunden.
>Und das führt zu meinem anderen Einwand:
>3. Deine Gegenüberstellung „offizieller Rache-Auftrag“ gegen „unerlaubte subjekthafte Privatisierung der Rachegründe“, die zum fehlgehenden, rein privatistischen Wüten mit schlimmen Folgen führt, und die These: „alle seine guten Fähigkeiten werden korrumpiert durch das internalisierte Böse“ würden im Umkehrschluß bedeuten: Hätte Hamlet sich nur einfach ohne zu klügeln als Jeanne d’Arc mit offiziellem Auftrag verstanden, dann hätte er vernünftig, anständig und richtig kalt rächend gemordet, es wären seine guten menschlichen Fähigkeiten nicht korrumpiert worden und alles wäre in Ordnung gewesen. Die „Schuld“ liegt bei diesem Gedankengang letztlich bei Hamlet und seiner schwächlichen Unfähigkeit, kalt seine objektive Pflicht zu tun – und „Rache“ wird durch diesen Gedanken implizit als grundsätzlich legitimes, sinnvolles, pflichtgemäßes, heilendes Handeln judiziert.
>Und das glaube ich nun nicht so recht. Ich glaube nicht, daß der Rachebegriff hier noch so ungebrochen und unbefragt verwendet wird – auch wenn der Text aus voraufklärerischer Zeit stammt.
>Eine Rache im schäumend privatistischen Sinn wird ja auch im Stück vorgeführt – aber als Gegenentwurf zu Hamlets Verhalten: Laertes, der, ohne Skrupel dem alten Rache-Ideal gehorchend, sofort eine (Shakespeare immer verhaßte) Volksrebellion hervorruft, um seinen Vater Polonius mit Mord und Blut zu rächen; Laertes, der nach der Maxime shoot first, aks questions later handelt, sich aber dann, gerade durch sein blindes Wüten, im Handumdrehn von Claudius zum willigen Werkzeug des Verbrechens umdrehen läßt.
>So meine ich, daß Hamlets Verhalten mit der dualistischen These von der erlaubten offiziellen Rache einerseits und der illegitimen privatistischen, selbstinfizierenden Rache andererseits nicht so ganz beizukommen ist.
>Paul

Ja, lieber Paul, sehr gescheit und differenziert ausgeführt. Ich stimme dir eigentlich vollkommen zu, hatte, um kurz zu bleiben, alles etwas vergröbert. Aber lass mich noch mal kurz durch deine Argumentationslinie durchmarschieren:

1. Die Sache mit der rechten und linken Backe bezieht sich ganz genau auf die persönliche Kränkung/Verletzung, der nicht mit "Vergeltung" - das ist nochmal was anderes als Rache! - begegnet werden darf! Dies ist das Ideal des Gewaltverzichts, das ist weit mehr als das Ideal des Racheverzichts. Aber in einer solchen Diskussion ("Darf Gewalt angewendet werden?") befinden wir uns im "Hamlet" nicht. Und ich behaupte nach wie vor: Es geht auch nicht um die prinzipielle Legitimität von ent-persönlichter Rache, sondern darum, wie dieser spezielle Racheauftrag von diesem speziellen Rächer durchgeführt werden kann.

Richtig auch, was du über Bacons vergleichsweise moderne Position bezüglich der Rache sagst, aber das ist in der Tat nur "private revenge", wovon er redet. Bacon ist bzw. wird eines Tages "oberster Verfassungshüter" seines Staatsgebildes. Da ist es doch kein Wunder, dass er ein rächendes Gewaltmonopol nur dem Staat zubilligt, und nicht Einzelnen. Ja, der Bürgerkrieg hat dabei sicher eine Rolle gespielt. Aber auch diese Debatte finde ich in Hamlet nicht berührt.

2. Gut, da hast du natürlich Recht: Ein quasi "göttlicher" Auftrag an Hamlet ergeht keineswegs! Das hab ich sehr überzogen. Richtig daran ist aber, dass der Auftrag weder von einem weltlichen Herrschaftsinstitut an Hamlet noch aus Hamlets Innerem an ihn gelangt. Ersteres wäre wie bei Strafjustiz oder Krieg die förmliche Übertragung eines Gewaltmonopols auf Hamlet, letzteres wäre ein prinzipiell anwesendes persönliches Rachebedürfnis aus gekränktem Gefühl. Beides trifft nicht zu. Also: Zwar kein göttlicher Auftrag, aber doch einer aus dem Bereich, den wir nicht kennen, aus dem die Wanderer bekanntlich nicht zurückkommen, um womöglich über dessen Trivialität zu berichten. Der Auftrag kommt gerade so, dass er einerseits überirdische Autorität zu haben scheint, andererseits aber von vornherein als Blend- und Teufelswerk in Verdacht genommen werden darf. Damit eben beginnt sozusagen auf S. 1 des Stücks das Hamlet-Problem! Er kann sich schon bei der Auftragserteilung nicht entscheiden, wie er das verstehen soll. Er nimmt eben genau den Standpunkt eines Renaissance-Menschen ein, der ganz anders als Jeanne d'Arc, kaum sprechen "die Stimmen", eben nicht zu prinzipieller Demut geplättet wird. Ob "spirit of health or goblin damned" ist nun zu entscheiden, und das setzt die gesamte denkerische Befreiungsdebatte von ein paar Jahrhunderten voraus. Wäre es "spirit of health", dann eben wär's doch göttlich, und man könnte friedlich ins Mittelalter zurückkehren oder den Verstand wieder beim Hausmeister abliefern! Kein Wunder also, dass es hier einem Einzelnen nicht gelingt, Klarheit zu schaffen. Das Denken, das von Hamlet nun eingesetzt wird, führt nicht zur Klärung des Auftrags, sondern nur zur immer tieferen Einsicht in die Natur des geschehenen Bösen. Und je weiter er sich entfernt vom klaren Urteil bezüglich der Forderung des toten Vaters, desto mehr erkennt er vom Übel, das geschehen ist. Eine sehr unerquickliche Situation! Es ist, wie wenn man, um eine trübe Scheibe zu reinigen, damit man durchsehen kann, dafür Königswasser verwendet und plötzlich merkt, dass man überall statt sie zu reinigen nur Riesenlöcher in die Scheibe gebrannt hat. Man sieht nun zwar durchaus unbehindert, ist aber auch dem Bösen plötzlich ohne Scheibe dazwischen ausgesetzt.

Die "rationalistischen Prüfungen", von denen du sprichst, geschehen also in der Tat, aber sie klären eben die Frage der Rachelegitimation nicht, verschärfen nur die persönliche Situation des Protagonisten, der allmählich anfängt, das einzige zu tun, was der Mensch dann eben tut: sich so sehr es geht in der Sache emotional zu verstricken. Das meinte ich mit der "Privatisierung der Rache". Nun wird ja gar keine "Rache" mehr geübt - kalt genossen, bekanntlich, sei sie am süßesten - sondern es wird zu heißem Wüten. Gelingt mir die Klärung dieses wichtigsten aller meiner bisherigen Lebensaufträge nicht, liegt mir auch nichts an Liebe zu irgendwem! Das führt zu den bekannten Folgen - allesamt eben keine "Racheakte", sondern Verzweilungstaten.

Laertes ist in diesem Zusammenhang - wie bei Shakespeare immer - ein "Variantenrepräsentant". In allen Shakespeare-Stücken gibt es - aber es führt jetzt wirklich zu weit, das im einzelnen auszuführen -"Nebenfiguren", die Handlungsoptionen des Helden en detail vorführen. Aus der Polymorphie solcher Handlungen setzt sich der Held zusammen, führt also gewissermaßen mehrere "einfache" Konsequenzen, die der Leser/Zuschauer sozusagen isoliert studieren kann, zu einem in sich hochkomplizierten und nicht mehr auflösbaren Konsequenzenbündel. Alles und nichts soll zugleich geschehen. Darin genau besteht die Kunst Shakespeares: Die in sich widersprüchliche Vielfalt des modernen Menschen zu zeigen, seit er zu denken angefangen hat - und eben doch all seine Geschichte bei sich trägt.

Also, da hast du vollkommen Recht, keine "dualistische These"! Das war missverständlich, sondern am Ende gerade das Gegenteil!

Mit Grüßen! Jürgen




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