Re: Hamlets Rache


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Geschrieben von Jürgen am 24. September 2003 18:50:39:

Als Antwort auf: Re: Hamlets Rache geschrieben von Paul am 24. September 2003 12:10:47:

>Hallo Jürgen,
>auf die zentralen Punkte können wir uns problemlos einigen – wovon der wichtigste der wäre, daß die Erscheinung des Geistes, gerade weil metaphysisch aus irgendeinem Jenseits stammend, zu einer fundamentalen, im Tiefsten existentiellen Erschütterung des Hamlet führt, die schließlich zum Motor des ganzen Stückes wird: keine Vater-Mutter-Kind-Familientragödie, sondern Hamlets plötzlich aufbrechende Erkenntnis, als einzig Sehender in einer „verkehrten Welt“, in einem pervertierten Kosmos zu leben, in der alles bösartig anders ist, als es zu sein scheint: Liebe ist Hurerei, der König ist ein Mörder, die Macht ist verbrecherisch, der Staat ist eine Lüge, die Freundschaft ist Betrug, die feste physische Welt ein Trugbild, hinter dem die irrational metaphysische Welt als wahre Welt aufscheint, etc. etc.: also für Hamlet ein erdbebenhafter Zusammensturz aller Weltsicherheit, aller Weltgeborgenheit – eine Dimensionserweiterung weit über alle konventionelle Wie-du-mir-so-ich-dir-Rache-Thematik hinaus (womit die hier im Forum unlängst hitzige debattierte Reduktion des Stückes auf eine Krimi-Intrigenhandlung und Räuberpistole sich als absolute thematische Banalisierung zeigt).
>
>Die Frage nach dem Pro und Contra von Rache, mit der jetzt dieser Gesprächsfaden initiiert wurde, führt, wie ich schon sagte, nicht sehr weit (ohne Janine zu nahe treten zu wollen, ihre Frage war durchaus berechtigt!): aus historischer Sicht führt das allenfalls zur Darstellung jener noch ambivalenten Haltung, die sich im Zug neuen Staatsverständnisses langsam herausmendelte, und die ja zum modischen Genre der elisabethanisch-jakobäischen Rache-Tragödien in der Nachfolge Senecas geführt hatte. Die Zwiespältigkeit des Rache-Konzepts, das den Rächer ethisch schuldhaft auf die gleiche Stufe herabbringt wie den eigentlichen schuldhaften Täter, zeigt sich als unauflösliches Dilemma auch in Stücken wie der Spanish Tragedy: dem erfolgreich schuldig gewordenen Rächer bleibt nur der Selbstmord als moralischer Ausweg. Insofern war »Rache« im Bewußtsein der Zeit durchaus bereits problematisch, als Problematik war dies in solchen Stücken ausdrücklich thematisiert. In diesem Sinne meinte ich, daß mit der These von der (ethischen) Trennung in erlaubte und privatisierte Rache dem besonderen Verhalten Hamlets nicht recht beizukommen ist, bzw. mit dem Thema der Legitimität von Rache grundsätzlich überhaupt nicht - denn für "Hamlet" ist die Rache-Thematik nur ein Ausgangspunkt, den das Stück schnell hinter sich läßt, um zu anderen Dimensionen und Fragen zu kommen; Hamlet tickt anders.
>Hamlet, der einen ja an seinen inneren Bewegungen und Gedanken teilnehmen läßt wie keine andere Figur, stellt überhaupt keine Überlegungen zum ethischen Problem der Rache an: er schlägt sich nirgends mit der Frage herum, ob Rache ethisch/göttlich/gesetzlich erlaubt sei, da hat er keinerlei Skrupel: Tod für Claudius, ganz einfach! Und nicht nur physischen Tod, viel schlimmer: er möchte ganz atavistisch-unchristlich sogar den seelischen Tod des Claudius herbeiführen, in dem er ihn erst im Stand der Sünde ermorden will, auf daß auch Claudius Seele der ewigen Verdammnis in der Hölle anheimfallen möge (III,3,73-95). Insofern ist Hamlet ein überhistorisch vollkommen „normaler“ Mensch – wenn man (wie ich) davon ausgeht, daß das leidenschaftliche Bedürfnis nach Rache ein in tiefen Schichten verankertes – sagen wir: - Grundbedürfnis eines jeden Menschen ist, und daß es eine hohe zivilisatorische Leistung darstellt, ihm aus vernünftigen Gründen NICHT nachzugeben (Marianne Bachmeier hat seinerzeit vor dem Mörder ihrer kleinen Tochter diese gesellschaftlich verlangte Leistung nicht erbringen wollen oder nicht erbringen können.)
>Hamlet möchte diesem Bedürfnis durchaus nachgehen – aber er tut es seltsamerweise nicht. Aus ihm selbst vollkommen unklaren Gründen. Was ihm im merkwürdigen Verlauf des Stückes zum eigentlichen Problem Nr.1 zu werden scheint. Hamlet hat kein Problem mit der Rache als solcher, sondern damit, daß er sie nicht vollzieht. Und seit vierhundert Jahren – wie Du richtig erwähntest – sind wir als Nachwelt damit beschäftigt, ihm, dem rätselhaft Nicht-Handelnden, Nichts-Tuenden, Nichts-Wirklich-Verschuldenden, aber vielleicht gerade dadurch das Chaos heraufbeschwörenden Helden seine Gründe zu soufflieren.
>Paul

Ein formidables Schlusswort unserer kleinen separaten Debatte, lieber Paul, dem ich nichts hinzufügen, für das ich aber danken will! Jürgen





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