Re: Hamlets Rache


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Geschrieben von Paul am 23. September 2003 12:41:04:

Als Antwort auf: Re: Hamlets Rache geschrieben von Jürgen am 22. September 2003 11:43:41:

Hallo, Jürgen,

interessanter Gedanke, aber ich habe ein paar Einwände:

1. Die Rache bei Paulus war wohl unter ALLEN Umständen unstatthaft und nicht nur als privatistische: der rächende Gott des AT wird ja im NT grundsätzlich durch die Sache mit der rechten und der linken Backe abgelöst.
Die Skrupel und die Justiztreue eines Bacon waren wesentlich durch die Anarchie der barbarischen Bürgerkriegsvergangenheit bedingt; Justiz im erstarkenden zentralistischen Staat der frühen Neuzeit wurde als Element der Befriedung und Zivilisierung der Sozietät verstanden – gegen das alte Konzept von Rache als gerechtigkeitswiederherstellender Tat, das an den Rand der nationalen Selbstzerstörung geführt hatte. Eine seinerzeit äußerst fortschrittliche Überlegung: Rache als Handlungsmaxime der auf ihren Ehrenkodex pochenden alten Adelsschicht existierte natürlich noch, geriet aber in Widerspruch zur vernünftigen Staatsräson der neuen Zeit und wurde entsprechend angezweifelt. Daß Rache auf der Staatsebene „fortunate“ ist wie bei Cäsar, etc., wie Bacon schreibt (gemeint wohl etwa: gelingend), heißt sicher nicht, daß er sie billigt.

2.Deine These: „Hamlet ist nicht selbsternannter "Rächer der Enterbten", sondern quasi göttliches Instrument der Bestrafung, darum wird der Auftrag ja als aus dem Jenseits kommend vorgestellt!“
Es handelt sich nun aber nicht um einen zweifelsfreien, bedingungslos zu befolgenden „göttlichen Auftrag“; Hamlet hört nicht die himmlischen Stimmen einer Jeanne d’Arc in anbetender Hingabe an die göttliche Offenbarung und Vorsehung, sondern:

Angels and ministers of grace defend us!
Be thou a spirit of health or goblin damned,
Bring with thee airs from heaven or blasts from hell,
Be thy intents wicked or charitable,
Thou comst in such a questionale shape… I,4,39

Der Racheauftrag aus dem Jenseits erscheint nicht so sehr „göttlichen“, sondern eher infernalischen Ursprungs, es spricht nicht der „Herr der Gerechtigkeit“ selbst, sondern ein armer verdammter Sünder in den Qualen des Fegefeuers (katholisch, wie hier irgendwo im Forum richtig gesagt wurde):

I am thy father's spirit,
Doomed for a certain term to walk the night,
And for the day confined to fast in fires,
Till the foul crimes done in my days of nature
Are burnt und purged away. I,5,9

Hamlet weiß dies nicht einzuordnen:
O all you host of heaven! O earth! What else?
And shall I couple hell? I,5,92

The spirit that I have seen
May be a devil, and the devil hath power
T’assume a pleasing shape, yeah, and perhaps,
Out of my weakness and my melancholy,
As he is very potent with such spirits,
Abuses me to damn me. I'll have grounds
More relative than this…. II,2,593

Der - wie du meinst - „göttliche“ Auftrag wird recht rationalistischen Prüfungen unterzogen; es könnte eine Täuschung sein. Richtig ist natürlich, daß es sich nicht um Privatistisches zwischen Papa und Sohnemann oder um Robin Hood handelt: der Geist bewirkt immerhin, daß „we fools of nature/So horridly to shake our disposition/With thoughts beyond the reaches of our souls“. Die Erschütterung ist fundamental, ein Riß geht plötzlich durch die Natur – aber ein „offizieller göttlicher Rache-Auftrag“ ist das nicht; mit der metaphysischen Erscheinung des Geistes und seinem Racheauftrag ist für Hamlet keine fraglose, legitime, abgesegnete „offizielle, göttliche“ Rache-Pflicht verbunden.
Und das führt zu meinem anderen Einwand:

3. Deine Gegenüberstellung „offizieller Rache-Auftrag“ gegen „unerlaubte subjekthafte Privatisierung der Rachegründe“, die zum fehlgehenden, rein privatistischen Wüten mit schlimmen Folgen führt, und die These: „alle seine guten Fähigkeiten werden korrumpiert durch das internalisierte Böse“ würden im Umkehrschluß bedeuten: Hätte Hamlet sich nur einfach ohne zu klügeln als Jeanne d’Arc mit offiziellem Auftrag verstanden, dann hätte er vernünftig, anständig und richtig kalt rächend gemordet, es wären seine guten menschlichen Fähigkeiten nicht korrumpiert worden und alles wäre in Ordnung gewesen. Die „Schuld“ liegt bei diesem Gedankengang letztlich bei Hamlet und seiner schwächlichen Unfähigkeit, kalt seine objektive Pflicht zu tun – und „Rache“ wird durch diesen Gedanken implizit als grundsätzlich legitimes, sinnvolles, pflichtgemäßes, heilendes Handeln judiziert.

Und das glaube ich nun nicht so recht. Ich glaube nicht, daß der Rachebegriff hier noch so ungebrochen und unbefragt verwendet wird – auch wenn der Text aus voraufklärerischer Zeit stammt.
Eine Rache im schäumend privatistischen Sinn wird ja auch im Stück vorgeführt – aber als Gegenentwurf zu Hamlets Verhalten: Laertes, der, ohne Skrupel dem alten Rache-Ideal gehorchend, sofort eine (Shakespeare immer verhaßte) Volksrebellion hervorruft, um seinen Vater Polonius mit Mord und Blut zu rächen; Laertes, der nach der Maxime shoot first, aks questions later handelt, sich aber dann, gerade durch sein blindes Wüten, im Handumdrehn von Claudius zum willigen Werkzeug des Verbrechens umdrehen läßt.

So meine ich, daß Hamlets Verhalten mit der dualistischen These von der erlaubten offiziellen Rache einerseits und der illegitimen privatistischen, selbstinfizierenden Rache andererseits nicht so ganz beizukommen ist.

Paul





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