Re: Spaziergänge mit "Hamlet"


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Geschrieben von Jürgen am 29. August 2003 10:01:57:

Als Antwort auf: Re: Spaziergänge mit "Hamlet" geschrieben von Hans-Georg am 29. August 2003 08:22:39:

>>Der Assoziationsgedanke - ein poetisches Schaffensprinzip - steht gegen das harte Erkenntnisprinzip der Literaturwissenschaft. Hier ist nichts miteinander zu versöhnen. Während du und der auf den Text verpflichtete Philologe diesen zu verlassen für unerlaubt halten, sagt Andreas und sein Standpunkt genau das Gegenteil: Der Text muss verlassen werden, weil wir andernfalls Stagnation haben, - angeblich.
>Hallo Jürgen,
>tertium non datur - vielleicht. Aber ich denke - warum soll der Assoziationsgedanke als kreatives Prinzip sich nicht genausogut auf dem Boden der Erkenntnis entwickeln können? Was einen nervt, ist doch, daß die freie Phantasie die Schönheit und die Komplexität und den Reichtum eines Textes und sogar sich selbst meist schon auf einem sehr schlichten, simpel durchschaubaren, oft zahnschmerzenbereitenden Level in die Pfanne haut - was alles vermeidbar wäre. Denn Phantasie, die souverän auf der Erkenntnis reitet, könnte doch zu ganz neuen, spannenden Landen galoppieren - wenn sie nur könnte.
>Schau mer mal, dann seh mer scho'.
>Viele Grüße
>Hans-Georg

Ja, richtig, wenn das gelingt, was du da idealiter malst, der Regisseur also exakt und ohne Absturz auf dem messerscharfen Grad zwischen Textverpflichtung und neuer Eingebung, dann entsteht großes Theater. Und weil das ebenso schwierig wie im Fall des Gelingens berauschend ist (Andreas schwärmt ja regelrecht von seinen Sternstunden, ich kann das gut verstehen), ist es halt der Traum jedes Regiefuzzis, dieses Ereignis zu erzwingen, koste es wörtlich, was es wolle. Manchmal gelingt's ohne Knüppel aus dem Sack, der Lear an den Kammerspielen in München etwa oder der Richard II. am Schiffbauerdamm in Berlin. Aber ich habe eine ganz bestimmte Besucherklientel bei beiden Aufführungen sofort danach sagen hören, das sei ja nichts Rechtes, eine Provokation käme da nicht rüber, alles lahm und von gestern, während sich zur gleichen Zeit andere Teile des Publikums über den pudelnackten alten Lear oder den immer unter Hysterie die Ego-Tragödie begrabenden Richard zu Tode ärgerten.

Nebenbei gesagt: Auch die Literaturwissenschaft kommt ohne Inspiration nicht aus, sonst bleibt sie so langweilig und überflüssig wie jene Theateraufführungen, die das Regietheater so dringend (und mit Recht) zu vermeiden sucht, auch wenn ich sie nirgends angeboten finde. Auch die kleinste Provinzbühne tut es heute den "großen Theatern" gleich, von hochmotivierten Laienensembles ganz zu schweigen. Er ist aber hier so einfach wie anderswo: ohne wirklich wahnsinnig viel Arbeit und Fleiß einerseits und Textverständnis und Inspiration andererseits gelingt eben nichts Besonderes. Dass das so ist, hast du nun schon mehrfach ausführlich dargelegt. Aber die Versuchung ist eben zu groß, hier die Abkürzung durch den Hyperraum zu fliegen, statt die langwierige Bergtour anzutreten. Daher meine Skepsis.

Jürgen





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