Re: Spaziergänge mit "Hamlet"
Geschrieben von Hans-Georg am 30. August 2003 18:24:01:
Als Antwort auf: Re: Spaziergänge mit "Hamlet" geschrieben von Jürgen am 29. August 2003 21:32:24:
Hinwandelnd durch ein mäandrierendes Text-Dickicht wie durch ein elisabethanisches Labyrinth aus Buchsbaumhecken, meint
HANS-GEORG: (dem die Organisation des roten Gesprächsfadens doch einige Mühe bereitet ):
Hm hm hm – versuchen wir mal, lieber Andreas, Deinen wilden Galopp durchs Unterholz der Ideen etwas zu ordnen… Zunächst mal können wir feststellen, daß Du das Thema »historisches Thronfolgeprinzip in Dänemark« geflissentlich unter den Tisch fallen läßt; gut, gehen wir also davon aus, daß dies (hoffentlich) auch für Dich gegessen und abgehakt ist.
Du hast stattdessen einen Haken geschlagen und das Gespräch umgelenkt auf Erörterungen über die theatralische Praxis des Verhältnisses Gertrud/Hamlet, das Du für sehr wichtig hältst. Zweifellos ist es das. Zweifellos ist die Besetzung einer Rolle bereits fast die halbe Hochzeit: ob Hamlet 15 oder 50 ist, ob Gertrude Heimchen am Herd oder Evita Peron ist, interpretiert bereits viel vom Stück. (Die gegenwärtige englische Thronfolge hat aber da eigentlich nichts zu besagen – Du wirst solche Überlegungen ja nicht nach irgendwelchen Illustrierten-Storys treffen?) Und so ist die Besetzung Deine erste wichtige und festlegende Regie-Entscheidung. Aber die wirst Du doch wohl erst dann treffen, wenn Du Dir über das ganze Gewebe des Textes im Klaren bist – und über Deine Interpretation des Stückes? wovon erzählt werden soll?
Allerdings schreibst Du da für mich etwas verwirrend:ANDREAS:
> Ich versuche sozusagen den allerersten Moment herzustellen, ohne erorderliche Vorkenntnisse des Publikums, oder ohne klar ersichtliche und übergeordnete Interpretationsaussage. Letztendlich immer ein Versuch, denn herstellen kann man eine solche Situation nur ungenügend - alle interpretieren sofort und jeder sieht, hört und spielt das was ihm dabei wichtig ist. Aber es ermöglich zu mindest eine gewisse Offenheit…
> Praktisch gesehen gibt das bei Proben immer Streit mit den Schauspielern, da ich ihnen niemals sagen kann, so ist es und nicht anders…
>Da es mein selbsauferlegter Anspruch ist, so offen wie möglich den Ansatz einer Inszenierung zu halten…HANS-GEORG:
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich das verstehen soll – Du wirst doch nicht meinen, anything goes und am Ende ist es dann irgendwas? Du wirst doch nicht meinen, daß Du zu den Proben ohne Masterplan und ohne Konzept kommst? Oder daß Du – nach Deinem Verständnis des Textes - nicht die Leitlinien dessen bestimmst, was erzählt werden soll und wie es erzählt werden soll – auf daß nicht der eine Schauspieler mit Shakespeares Text ein Ibsen-Drama spielt, der zweite „Das Pissen im Finstern“ und der dritte „Shoppen und Fiicken“? Wenn das so wäre - das fände ich nun wiederum ein sehr merkwürdiges Selbstverständnis eines Regisseurs…!!! :-)
Was verstehst Du aber bisher… Ganz ersichtlich ist das Dreieck Hamlet-Gertrud-Claudius sehr verschieden erzählbar – von der Ödipus-Variante bis zu…XYZ, wie JEDE Eltern-Kind-Geschichte eben sehr verschieden erzählbar und gewichtbar ist. Welches Gewicht gibst Du nun aber dieser Konstellation im Gesamttext? Offenbar ist es die für Dich zentrale und entscheidende. Wenn ich das richtig lese, was Du schreibst, stelle ich fest, daß Du mit „Hamlet“ insgesamt ein Familiendrama von Royals mit moralischer Botschaft erzählen möchtest. Mutter, Sohn und Stiefvater, der Kampf um Papas Erbschaft und das Reihenhaus, und wenn alle tot sind, die Erkenntnis: alles Täter, alles Opfer, alle irgendwie schuldlos schuldig geworden.Entschuldige, wenn ich das etwas ironisiere – das Thema läßt sich eben leicht heruntermodulieren. Solche Dramen gibt es, solche Geschichten kann man erzählen. Ist aber Shakespeares „Hamlet“ auch ein Stück von dieser Sorte - und geht es im „Hamlet“ überhaupt um dieses Thema? Ist diese Family-Homestory nicht vielmehr nur ein partikularer Baustein im ganzen „Hamlet“? Hat Shakespeare nicht vielmehr diese Story hinaufmoduliert zu etwas ganz anderem?
Und da kämen wir jetzt zurück zum Stück - und zum Geist.
Du meintest auf meine Frage nach der Katholizität des Geistes: „Bleiben wir beim Geist bei diesem "theologischen" Ansatz, nämlich dem der Offenbarung des Schicksals. Sprich greift hier das Schickal vorsätzlich ein ?“ – „… Personifikation Gottes, des Schicksals ? Ist der Geist also katholisch?“Ich hatte es etwas ironisch gemeint und weniger an Augustinus gedacht; ich meinte nicht den Heiligen Geist, ich meinte Gespenster – und ich hatte es zugleich mit der Frage nach Hamlets Studienort Wittenberg verknüpft. Wie Du Dich als Theologe erinnern wirst – es ist die protestantische Luther-Stadt. Dort, in der vom Geist des neuen Rationalismus geprägten Universität, studieren Hamlet wie Horatio. Es ist der Ort, an dem das Neue Denken entstand, das bis heute unsere Kategorien beeinflußt; der Ort, an dem das neue aufklärerische Denken gelehrt wurde, das den großen historischen und geistigen Bruch der Neuzeit herbeigeführt hat: die Reformation. Der fortdauernde Konflikt zwischen protestantischem und katholischem Denken war zu Elisabeths Zeiten unvermindert ein Sprengsatz der mühsam zuammengehaltenen englischen Nation, aber über politische Konstellationen hinaus war der Bruch grundsätzlicher, tiefergehender für das abendländische menschliche Selbstverständnis: Das geordnete theozentrische universale Weltbild war erschüttert worden.
Zwei unterschiedliche, absolute Gültigkeit beanspruchenden Weltdeutungen auf einmal verunsicherten fundamental das Denken. Für Shakespeare war der Umbruch, den wir mit Reformation, Humanismus, Renaissance bezeichnen, aktuelle, hautnahe Gegenwart – ohne Wissen, wie es weitergehen würde.
Shakespeare verortert seine Geschichte „Hamlet“ klar und eindeutig in diesem geistigen Raum. „Hamlet“ spielt nicht nur in einer verunsichernden Vorkriegszeit, „Hamlet“ erzählt – vom ersten Satz des Stückes an! - auch von einem geistigen Epochen-Bruch, der für alle menschlichen Verhältnisse so verunsichernd war wie nichts zuvor.
In IV,3.20ff z.B. kalauert Hamlet wortspielerisch mit dem Reichstag zu Worms im Jahr 1521, wo Luther das berühme „Hier steh ich, ich kann nicht anders“ gesprochen hat. Erstmalig setzte das Individuum eigene Wahrheit, eigenes Denken, eigene Glaubenswahrheit gegen die autoritativen Lehren.Gespenster, also die Geister verstorbener Menschen, sind tatsächlich insoweit „katholisch“, als sie aus einem katholisch-theologischen Zwischenreich stammen – aus dem Fegefeuer, in dem sie, statt sofort von der Gnade Christi erlöst zu werden, sich läuternd ihre Sünden abbüßen müssen. Der kritische Geist der Reformation hatte diesem Spuk ein Ende gemacht – es gibt kein Fegefeuer in protestantischer Lehre. Es gibt aber wunderbare „aufklärerische“ protestantische Texte aus dieser Zeit, die den Aberglauben an Spuk, Gespenster und dergleichen Erscheinungen mit Hohn und Spott überschütten – so spöttisch, wie Horatio aus der protestantisch-aufklärerischen Universitätsstadt Wittenberg die Hirngespinste der bibbernden Wachen bedenkt. Aber siehe da – ein rational gar nicht mögliches Gespenst tritt tatsächlich auf.
Ist das Gespenst echt oder nicht? – diese moderne Frage, über die man sich totdiskutieren kann, ist genau die Frage, die die Personen des Stücks sich stellen - OHNE JEMALS ZU EINER KLAREN ANTWORT ZU FINDEN! Der Geist wird aber zu einem Katalysator: für die abergläubischen Wachen wird er zu einem Omen, das den Untergang des Staates prophezeit wie ehemals vor dem Sturz des Julius Cäsar im alten Rom, dem Modell des elisabethanischen Staats-Selbstverständnisses. Sie schicken Horatio vor: „Bist ein Studierter, sprich du mit ihm, Horatio“. Der intellektuelle „potestantische“ Rationalist Horatio ist vor dem aus dem katholischen Fegefeuer kommenden Gespenst wie vom Schlag gerührt – und ihm fällt nichts besseres zur Erklärung ein, als das alte, vorreformatorische, katholisch-scholastische Stufenmodell des Universums mit seinen Hierarchien und magischen Verknüpfungen hervorzukramen: eine fundamentale Störung des Makrokosmos, des Universums, des Staates und aller Lebensverhältnisse scheint sich auch für den aufgeklärten Rationalisten anzudeuten.
Denn der Geist ist ein Wiedergänger aus einer untergangenen Epoche der Glaubensgewißheiten, aus einer vergangenen „Alten Welt“: als Staatskonflikte noch durch den Zweikampf der Könige mit der Streitaxt in der Hand entschieden wurden, wie zwischen Alt-Hamlet und Alt-Fortinbras – nicht wie nun, da ein Claudius Botschafter ausschickt und zugleich Kanonen gießen läßt in der neuzeitlichen Doppelstrategie Diplomatie plus Aufrüstung. Ein Geist aus jener vergangenen Zeit, als Blutrache noch was gegolten hat, erscheint in der Neuen Zeit der Ersten Großen Verunsicherung.
Ein Geist, der auch vor vierhundert Jahren schon gegen rationales Denken verstieß - wie heute. Und der ist dann doch plötzlich da, und meldet einen Mord (nicht an einem autauschbaren Bundeskanzler oder Staatspräsidenten) sondern an einem gottgesalbten König, aus heutiger Sicht höchstens vergleichbar mit einem Mord am Papst; vom Ausmaß des Verbrechens her eher ein Mord an Gott – was heißt das? was bewegt das? was stößt das an?Wenn Du schreibst: „Der Geist wird von vielen gesehen und bezeugt, jedoch die wahre Gestalt des toten Königs wird nur vermutet, nicht bewiesen. Es braucht Hamlets Begegnung um alle Zweifel zu zerstreuen.“ – oder: „Denn das was nur vermutet wurde, das es sich um Königsmord handelt ist nun bewiesen“ - so ist das eindeutig falsch. Im Text steht das Gegenteil – Hamlet führt in der Folge rationalistische Zweifel an der Echtheit des Geistes als Grund dafür an, den Racheauftrag nicht ausführen zu müssen. Die gesamte Handlung bis nach der Schauspiel-Szene ist vom Zweifel an der Echtheit der Geister-Aussage bestimmt. Text lesen!!!
Und so kämen wir fürs nächste Mal endlich zu Hamlet selbst, und da hätte ich ein paar Fragen Dich:
Du schreibst: „Seine texte sind sehr reif, reflektierend, philosophisch… Nur ein ältere Hamlet ist fähig solche Sätze aufgrund seiner Lebenserfahrung und Reife reflektierend auf die Bühne zu bringen… Mein Hamlet würde nie sinnierend zu Beginn an der Rampe stehen dürfen um den Eindruck zu erwecken, er habe die philosophische Erkenntnis.“Was hast Du gegen Hamlets Monologe? Wieso meinst du, Hamlet hätte „die philosophische Erkenntnis“?
Bis dann,
Hans-GeorgPS. Und Kenneth hätte wirklich nicht aufzutreten brauchen!
- Re: Spaziergänge mit "Hamlet" Jürgen 31.8.2003 13:47 (12)
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