Hamlets Rache


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Geschrieben von Jürgen am 19. September 2003 14:09:39:

Als Antwort auf: Re: Spaziergänge mit "Hamlet" geschrieben von Janine am 19. September 2003 11:57:37:

>Oh je, von wegen ich und einn LK leiten…! Das gäb was! Nein, ich bin ja nur Schülerin. Und ich wollte ja auch gar nicht meinen Senf dazu geben, weil ich kenn mich ja nicht aus und hab gar nix zu sagen. Ich fand ds nur ziemlich gut in den Spaziergängen und schade, dass es aufhört, wo ich den Hamlet jetzt so 1 ½ mal gelesen habe, ds war spannend, wie man da verschieden rangehen kann.
>Gut fand ich zum Beispiel, dass gesagt wurde, das das Stück kein Familiendrama ist wie in irgend so ner Fernseh-Schnulze. Dass es um mehr geht darin. Hamlet sagt doch gleich am Anfang: „Die Zeit ist aus den Fugen. Schmach und Gram, dass ich zur Welt, sie einzurichten kam.“ Davon hat der Geist doch garniy gesagt, er soll doch nur seinen Vater rächen. Wenn Hamlet dann aber meint, dass er gleich die ganze Welt einrichten muß, dann heisst ds doch was. (Nur was genau, das muß ich noch rauskriegen! zwinker )
>Aber eine Frage hätte ich dann tatsächlich, nämlich wozu noch gar nichts gesagt wurde, nämlich das Thema Rache. Wie soll man das verstehen, oder gut finden, oder wie, dass Hamlet den Clajudius umbringen will oder soll? Er will ja eigentlich ganz klar einen geplanten Mord begehen, als Rache. Aber Mord ist ja ein Verbrechen, und Rache ist verboten, weil, das gilt heute glaub ich als niedriger Beweggrund vor Gericht. Es ist ja ein primitives verhalten und bringt garnix. Wie in Israel und Irland und so, wo die sich seit ewigen Zeiten immer gegnseitig für irgendwas rächen und umbringen und dann umgekehrt die andern, und das geht endlos immer so weiter. Wie hat Shakespeare das gemeint? Fand der Rache normal, war das so üblich damals in seiner Zeit, oder wie soll man das heute verstehen?
>Janine

Hallo Janine,

das nenne ich mir ein schönes Thema, und ich bin sicher, du wirst dazu Antworten kriegen. Hier schon die erste.

Man darf zuerst nicht vergessen, dass die Einsicht, dass Rache am Ende zu nichts führt, sondern nur zu einer entsetzlichen gegenseitigen Abschlachterei, erst eine Erkenntnis der Aufklärung ist. In allen moralischen Systemen davor, auch in der Bibel, war Rache stets ein notwendiges und wirksames Korrektiv für die "Unordnung der Welt". So ist es auch im "Hamlet". Unsere Welt besitzt keine einheitliche Wertnormierung mehr, also lässt sich auch durch Rache die Verletzung ihre Grundwerte nicht mehr heilen, das weiß jeder Kluge. Sogar unser Strafrecht hat den Rache-Gedanken seit gut 100 Jahren hinter sich gelassen.

Hamlet sieht sich vor der Aufgabe, durch einen legitimen Rache-Akt - d.i. die Bestrafung eines Übeltäters mit dem Tod ohne alles "persönliche Wüten" dabei - eine Ordnung wiederherzustellen, die gestört ist. Das, was da nach Rache schreit, hört augenblicks auf zu schreien, wenn Rache geschieht. (Das ist der Unterschied zu Irland oder Israel.)

Dass Hamlet das aber nicht schafft, sondern sich seinen "Auftrag" in intellektuellen Zergliederungen und hochsensiblen Wahrnehmungen selbst "zerredet", ist der Konflikt des Stücks. Er schafft nicht nur die legitime Rache nicht, sondern gerät gerade darum in nicht-legitimes "persönliches Wüten" darüber, bis er schließlich so viel Schuld auf sich gehäuft hat, dass auch er nur getötet werden kann. (Seine Schuld hat zwei Pole: Liebesverrat und Mord.)

Das Geheimnis des Stücks ist, warum das so ablaufen muss. Shakespeare spricht hier einen Kommentar über die entsetzlichen Folgen des Bösen für den, der das Böse so präzis wahrnimmt, wie es nur möglich ist. Ein stumpferer Gesell hätte den Claudius ungestraft einen Kopf kürzer gemacht, die Regentschaft angetreten und die Mutter ins Kloster geschickt. Vollzogene und wirkungsvolle "Rache". Hamlet kann das nicht, weil er dazu viel zu viel wahrnimmt und tausend Verknüpfungen einzuarbeiten bestrebt ist. Er geht am Denken zugrunde.

Wenn er also die triviale Rache nicht schafft, dann nicht darum, weil er einen rationalen "guten Grund" dafür hat ("Nutzt ja eh nix!" "Gewalt erzeugt immer nur Gegengewalt!" "Ich bin Pazifist!"), solche Gedanken sind ihm vollkommen fremd, sondern weil er das Böse selbst wirklich wahrnimmt, das "Aus-den-Fugen-Sein", und davor die Waffen streckt. Da eben hat unsre Schulweisheit nichts mehr zu melden, - auch sein Nachdenken nicht, so sehr er es drischt.

Über der Hamlet-Frage zerbricht sich nun die Menschheit seit 400 Jahren den Kopf. Also hüten wir uns vor schnellen Antworten!

Jürgen







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