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Tipps für Theatermenschen > Inszenierungen
Viel Lärm um Nichts
Viel
Lärm um Nichts kippt in der Mitte des Stücks von der Kommödie
zur Tragödie und wird erst im Finale wieder zur Kommödie
aufgelöst. D.h. zwischen der Hochzeitsszene und Claudios Angriff
auf Hero, bis zur Scheinheirat mit der "unbekannten" Nichte,
ist es eine opulente Trgödie. Davon lebt das Stück auch
und macht ungemein Spaß zu spielen, da jeder der Teilnehmer
wirklich aus den vollen Schöpfen kann. Für die Inszenierung
bedeutet dies, die Kommödie bis zur Hochzeit zum Höhepunkt
zu treiben, die Begnung von Holzapfel/Schlehwein mit Leonato bietet
genügend Raum auch für Slapstick, und keine Scheu davor.
Denn dadurch wird der Absturz der Charaktere in der Kirche nur noch
deutlicher und gibt auch hier wieder Raum für große Gefühle.
Dann gibt es insgesamt drei Handlungsverläufe die miteinander
verwoben sind: Beatrice/Benedikt, Holzapfel/Schlehwein und Hero/Claudio.
Auf Benedikt und Beatrice liegt klar der Fokus des Publikums, von
daher muß geschickt teilweise entgegen inszeniert werden.
Da Holzapfel/Schlehwein als "Idioten" eh die Publikumslieblinge
werden, muß sich der Rest ganz schön ins Zeug legen.
Daher mein Plädoyer für die Möglichkeit der Extreme:
je mehr buntes "Urlaubstreiben" in Messina vorher verbreitet
wird, und je ernster später die Verleumdung und die Todesdrohungen
genommen werden um so spannender ist die Geschichte und Bendikt/Beatrice
werden zur perfekten Klammer für das Stück.
Last not least, was vielleicht für Dein jugendlichen Darstellter
schwierig wird. Viel Lärm um Nichts geht von klaren Vorgaben
aus, die leider heute nicht mehr aktuell ist. Alle befinden sich
im Stück auf einer Art "Urlaub", d.h. niemand agiert
eigentlich so wie in seinem "normalen" Leben, sprich:
der Prinz herrscht nicht, Leonato regiert nicht ... Dennoch gelten
die Umgangsformeln für ein offizielles beieinander. Für
die Schauspieler bedeutet das, das die Hierarchie und die Machtkämpfe
eigentlich nicht vom Charakter gespielt werden, sondern von den
anderen: Bsp: der Prinz fordert keine Achtung, er will laisse fair,
aber der Rest zollt ihm Achtung. Dies ist aber wichtig, damit die
Brisanz klar wird: Pedro ist der Prinz, aber er ist zu Gast bei
einem bedeutenden Politiker. Solltest Du den Film im Hintergrund
haben ist dies ein Knackpunkt. Leonato ist nicht nur der nette ältliche
Gutsbesitzer, er ist die höchste politische Instanz in Messina
und Pedor besitzt nur Gastfreundschaft aufgrund der langen Freundschaft.
Indem die Tochter des Hauses verleumdet wird, ist Leonatos Rache
eine potentielle Gefahr für den Prinzen. Last not least: Alle
kommen aus dem Krieg, der zwar gewonnen wurde, aber dies und die
Tatsache das sie nun Urlaub in Messina machen, bevor sie zurück
nach Spanien gehen (Arragon) ist die klare Voraussetzung. Es treffen
sich nicht gelangweilte Adlige zur Sommerfrische in der Toscana
!
Nachfrage von Jürgen:
Vielen Dank. Ein paar Lampen sind mir aufgegangen! Besonders die
Gewichtungen in der Inszenierungen. Hilfreich!
Ein paar Nachfragen,
1. Die Namen und Beziehungen in dem Stück finde ich verwirrend.
Bei Schlegel-Tieck kommt Claudio aus Florenz, Benedikt aber ist
ein Edelmann aus Padua,
bei Erich Fried (die Übersetzung benutzen wir) haben zwar beide
den gleichen Adelsstand, sind aber beide aus Florenz.
Dann überhaupt: Was hat Don Pedro - wenn er denn aus Spanien
kommt, mit zwei Edelleuten aus Florenz bzw Padua zu schaffen? Und
in welchen Krieg zieht ein arragonischer (warum mit zwei rr?) Prinz
denn ausgerechnet mit zwei italienischen Edelleuten?
Läßt sich das historisch eingliedern oder ist das schriftstellerische
Freiheit?
(Vgl. den Chat über Beatrice: wieso ist sie als Leonatos Nichte
nicht zugleich Antonios Tochter. (Übrigens ein zudem ein alter
Mann, wie Fried übersetzt!, also ein Großvater, der einmal
kurz ausrastet und eher wie Leonatos Anwalt wirkt!!)
Da gibt es noch viele verwandtschaftliche, geographische, soziale
usw. Ungereimtheiten - womit ich nicht langweilen will. Ich vermute,
daß auch andere Shakespeare-Stücke im Figurentableau
und in der historischen Geographie nicht durchzulogisieren wären!
(Zugegeben: ich steige gerade mit meinen Schülern überhaupt
erst in Shakespeare's Kosmos ein - und finde ihn übrigens ungeheuer
spannend!)
Alternativ-These: Dem Shakespeare war eine dramaturgische Figuren-Logik
überhaupt völlig wurscht. Auch die Aristotelische Einheit
von ...bla, bla. Er arbeitete eher nach den Prinzipien der Soap
opera / Commedia dell'arte Jeder Charakter, jedes Gefühl, jeder
soziale Stand bekam eine Figur zugewiesen, die beziehungstypisch
und namentlich zu ihm paßt. Das Gefüge insgesamt interessierte
ihn nur als zeitgenössisch "bekannte" Ansammlung
von Individuen, nicht aber als gesellschaftliches Tableau! Der Rest
der sozialen Logik fand sozusagen im Publikum statt, das die Figuren
wiedererkannte und aus eigener Erfahrung komplettierte - so wie
bei den heutigen Soap-Operas.
Mit dieser These geht nämlich plötzlich alles auf: Dann
wäre Beatrice nur deshalb seine "Nichte" ( = Tochter
auf "Distanz") weil ihr Naturell/ ihr Charakter nicht
dem Leonatos entsprungen sein kann. Zum gemütlichen Leonato
paßt eher die "leichte" Hero. Dann sind auch Don
Juans ("Bastard") relativ kurze Auftritte zu erklären.
Denn Shakespeare braucht in ihm nur eine handelnde Intrigenfigur
von "weit weg" mit Namen und Adresse (in den schlechten
Kalte-Krieg-Filmen sinds die bösen Russen, die unser westliches
Herz erwärmten oder so!) Und dann kommen die beiden Edelleute
eben nur deshalb aus "Florenz", weil Florenz mit den Medici
usw eine stark frühbürgerliche Tradition hat. (Padua ist
auch gut: hier war eine der frühesten Universitäten =
Gelehrten-Stadt!!) Also aus Shakespeare-Sicht eine "Image"-Sache.
Und Don Pedro muß aus Spanien kommen, weil sein böser
Halbbruder (dramaturgisch noch wichtiger) ja eben von "weit
weg" kommen muß ( So wie heute der Nachweis jeder unbewiesenen
Erkenntnis imagemäßig aus Amerika kommen muß: "Amerikanische
Wissenschaftler haben nachgewiesen, daß..." - das reicht
zur Einsicht!
Dann aber darf man auch die ganzen "Nebenfiguren" eigentlich
nicht streichen, wie auf dieser Seite jemand vorschlug. Denn Antonios
Aggression zum Schluß ist das Alter Ego von Leonato. Fast
jede Figur hat nämlich ihr (meist kleineres) Alter ego personifiziert
zur Seite in irgendeiner verwandschaftlichen Beziehung! Und ihr
charakterliches Pendant in einer "gleichgroßen"
Figur "gegenüber". Noch genauer: die eine "Figurenhälfte"
ist meistens rational, die andere eher betont individuell-gefühlsmäßig
( und gewinnt meistens!) Das wäre durchaus im Zeitgeist der
englisch eher aufklärerischen Frührenaissance. Vereinigt
man die Figuren - würde schnell eine gesamtbürgerliche
Moliére-Figur mit Licht und Schatten draus und mit viel Moral
am Schluß, weil ja ein Charakterzug jeweils dann aus gesellschaftlichen
Gründen - wie später beim langweiligen Schiller - gewinnen
müßte! So aber wird Don Juan eben nur kurz verhaftet
- zack= Problem erledigt, und ein einigermaßen schlüssiger
Schluß daraus. Deshalb auch wirken die Shakespeare-Figuren
so statisch und noch ohne jede dramaturgische Entwicklung ( und
deshalb im Komischen tragisch und umgekehrt!). Sie sind am Eingang
des Stückes böse /lieb / romantisch usw. und bleiben es
auch so.
(Das macht übrigens auch den neueren Shakespeare-Run bei den
soap-geschulten Bildungs-Jugendlichen erklärbar. In Hamburgs
"Schlachten"-Spektakel hat der Perceval dieses Spiegel/Spaltprinzip
der Shakespearschen Dramaturgie auch noch auf die Wahnsinns-Spitze
getrieben: Er hat das Figurisieren auf die Königsdramen selbst
übertragen. Kaum gewinnt der eine Heinrich auf perverse Weise
die Macht, verliert er sie an den nächsten, schon wartenden
Richard: Im Publikum sitzen überwiegend - es ist wirklich sensationell
- soviel elektrisierte Jugendliche wie noch nie und tun sich satte
12 Stunden Bilder-Ästhetisierung von sprachlichen Machtkämpfen
an!
Wenn diese Eingangs-These aber richtig ist - nicht die Figuren haben
Charakter und Gefühle, sondern jeder Charakter und jedes Gefühl
wird einzeln "figurisiert"- dann wäre der "Urlaub
in Messina", von dem du sprachst, und in dem die Personen als
hierarchische behandelt werden, aber eigentlich doch nur "Urlaub"
machen, nur ein Trick von Shakespeare: ein künstlich geschaffener
Zeitraum, in dem er Gefühle und Haltungen in Figurenform vorführt
( "vorführt" im doppelten Sinne - wie in einem lustigen
Agatha-Christie-Krimi: einer von den Zwölfen wars.) Und diese
Grunddramaturgie macht den Shakespeare dann doch auch leicht modernisierbar
- oder? Siehe Romeo-und-Julia-Verfilmung usw.
(n bißchen lang - , aber ich finde es halt spannend!!)
(Und viele angesprochene Fragen kommen von den Kiddis - meine Anworten
sind meist - noch - dürftig!!
Wo übrigens findet der sommerliche Open-air-Shakespeare statt?
Wenns nicht zu weit ist, - .....
Antwort:
Nochmal zu Beatrice: Wie ich schon gesagt habe, Antonio ist sowohl
beim Heiratsantrg von Pedro auf der Bühne, als auch in den
Hochzeitsszenen, wo sowohl die fremde "Nichte" Claudio
heiratet als auch später Benedikt um Beatrice anhält.
Der auf Form und alles bedachte Shakespeare läßt aber
niemanden das Wort an Antonio ergreifen. Last not least: "Denn
sie allein ist unser beider Erbin" - aber Beatrice müßte
als Schwester dann auch Erbin sein ! Deine Theorie das sie nicht
zu Leonato passt, stimmt, von daher kannst Du es jetzt noch weiter
fortführen, indem Beatrice aus einem unbekannten Teil der Verwandtschaft
stammt. So stimmt dann auch Dein Ansatz wieder: Beatrice ist so
fremd wie nur irgendwie möglich, hat aber ihre Berechtigung
bei leonato seit Jahren zu sein, ohne das man sich was böses
denkt.
Zu Padua/Florenz: Glückwunsch, da schwimmt ne Menge mit bei
den zukündtigen Helden und Adligen des neuen Zeitalters. Benedikt
von Padua ist natürlich ein nettes Wortspiel (bezieht sich
auf die katholische Kirche: das Mönchtstum, da Benedikt nie
heiraten will). Außerdem stehen Benedikt und Claudio für
zwei unterschiedliche Typen, daher kommen sie auch aus zwei Städten.
Arragon/Messina: Genau weis ich es jetzt auch nicht, wir haben
es damals einfach akzeptiert. Denkbar ist jedoch das Messina Spanisch/Arragonische
Provinz war, zumal Spanien erst kurz in der Weltgeschichte vereint
war (Arragon und Kastilien). Es gibt sicherlich einen konkreten
Anhaltspunkt, zumal Shakespeare relativ gut recherchierte, da er
in engem Kontakt zur italienischen Intelligenzia in London hatte.
Der Sekretär vom Earl of Southhampton (Shakespeares schwuler
Verehrer und Mäzen) hatte ihn eingeführt und er hatte
ein Verhältnis mit einer bekannten Dame ... Daher auch die
vielen Einflüsse der Commedia dell´Arte - Shakespeare
konnte aus den Informationen aus erster Hand schöpfen.
Dennoch Shakespeare geht immer sehr frei mit seinen Anspielungen
im Stück um. Er benutzt sie nur um Emotionen/Bilder beim Publikum
zu wecken, die das Geschehen aktualisieren/politisieren können,
bzw. das das elisabethanische Theater ohne Bühnenbiild arbeitete,
sind Szenen einfacher die mit einem Schlüßelwort zu umschreiben
sind. Daher auch die Möglichkeit der Verknüpfung zu Spanien,
den "lächerlichen" katholischen Feinden des anglikanischen
Englands. Don John ist somit doppelter Schurke! Dennoch müssen
Messina und Arragon in Zusammenhang gestanden haben, denn sonst
hätte jeder den Fehler gemerkt.
Übrigens Shakespeare hält sich immer an die Einheit von
Raum, Zeit und Person. Daher läßt er zum Beispiel im
Wintermärchen die "Zeit" auftreten und sich entschuldigen,
bei Perikles entschuldigt sich Gower für die großen Zeitsprünge.
Er hält sich zwar nicht sklavisch daran wie seine Zeitgenossen,
aber er gibt gerade in Viel Lärm um Nichts, sehr genaue Zeit-
und Ortsangaben vor, die stimmig sind (Dauer des Aufenthalts, Zeitpunkt
der Hochzeit, etc.).
Nun zur Sache mit den Nebenfiguren: Sicherlich nimmt man dem Stück
Farbe wenn man sie streicht, aber Leonato/Antonio sind sich gleich
und die Aussage das Antonio älter sei, ist unbegründet,
es wird meist so gedeutet, es gibt aber keinen Anhaltspunkt dafür.
Shakespeare läßt Antonio ausrasten, da es Leonato nicht
erlaubt wäre den Prinzen zu beleidigen, Leonato ist eben sehr
korrekt, daher läßt Shakespeare Antonio sprechen, der
nicht Gouverneur ist. Zu Lebzeiten Wills im Theater einen Gouvernuer
auf einen Prinzen loszuhetzen, wäre nicht durch die Zensur
gegangen, Richard I. hatte ihn schon genug Schwierigkeiten bereitet.
Heute zählt dieses Argument nicht mehr. Daher mein Plädyoer
Antonio/Leonato als eine Figur zu betrachten.
Deine These das alle Charaktere als Typen für etwas stehen
stimmt Die Zweiteilung der Tyoen geht sichelrich auf und ist vorallem
interessant, aber ich denke auch dies kann kein Dogma sein, ebensowenig
wie meine bescheidenen Theorien.
Dennoch macht jeder Charakter eine Wandlung durch ,obgleich dies
eine sehr einfache ist. Zugegeben, der Schluß ist wie immer
eigentlich Stümperhaft und macht einfach nur Probleme, ein
Happyend muß her, denn es muß als Kommödie gefallen
und so wird es gerade noch zurechtgebogen. So sieht das Finale aus,
als wäre nie etwas geschehen. Selbst über Pedro/John erfährt
man nichts - er wird später verhört, erst will man feiern.
Der Bruderzwist bleibt wie immer ein großes Rätsel. Ich
denke auch hier liegt der Schlüßel im künstlich
geschaffenen Feiraum des "Urlaubs", es wird nicht darüber
gesprochen, aber es wird sicherlich am Verhältnis aller untereinander
deutlich. Dann bekommt der Ruf nach dem Tanz auch wieder ein psycholgische
Bedeutung, bevor alle gezwungen sind, sich zu entschuldigen, oder
zu bereuen, oder alles aufzuklären und sich selbst zu hinterfragen,
kehrt man alles unter den Teppich und feiert und versucht es zu
vergessen. Wenn Hero anfängt Claudio zu hinterfragen, Pedro
Leonato und ungekehrt, muß es im desaster enden. Shakespeare
hat dies später dann in Hamlet aufgezeigt, wozu es führt.
Der Schluß ist somit ähnlich wie bei Was Ihr Wollt, Verlorene
Liebesmüh und Wie es Euch gefällt, alle sind in die Ecke
gedrängt und der Ruf nach einer Feier löst die Probleme.
Im Sturm ist es genauso, nichts wird aufgeklärt, man geht in
Prosperos Klause um zu erzählen und segelt am nächsten
Tag davon.
Dies Art der Problemlösung ist aber erschreckend menschlich
und aktuell, heute wie damals, erst die Deutschen Klassiker begannen
damit ein Stück logisch enden zu lassen, meist ohne Happy End.
Der Verdacht einer Seifenoper liegt nahe, daher auch die Begeisterung
aller. Spätesens wenn Du Dir das Publikum anschaust, wie es
auf die Tragödienteile reagiert und wie begierig es ist die
Komiker zu sehen und am Ende fröhlich dem Happy End applaudiert,
wird es deutlich.
Ein Freund von mir, fand diesbezüglich für Was Ihr Wollt
eine wunderbare Lösung. Er ließ das Stück enden
in einer netten Feier mit Doppelhochzeit und allem, auch Malvolio
durfte kurz die Stimmung verderben, aber dann wurde weitergefeiert.
Aber: er ließ es damit enden, das Malvolio sich im Schnürboden
erhängte, und die Beine seiner Leiche in den gelben Strümpfen
hing über der Party die somit abrupt endete und der Vorhang
fiel - ein rießeiger Schock fürs Publikum und für
einige Wochen Theaterskandal in einer Kleinstadt!
Shakespeare ist eben genial.
Last not least, wir spielen unsere Produktion im Sommer im Rhein/Main
Gebiet. Premiere ist in Mainz und dann geht es über die Weingüter,
Burgruinen und Marktplätze. Immer ohne Bühnenbild. ohne
großen technischen Aufwand. Licht damit´s hell wird
und fertig. Nächstes Jahr gibts Romeo und Julia (oh Gott und
alle kennen den Film und wollen De Caprio), Premiere hoffentlich
am 01.06.2000, gespielt wird voraussichtlich bis 03.09.2000. Die
Gruppe heißt übrigens "ZETTEL Theater" - nach
dem Liebling des Somemernachtstraums, und weil Theater immer eine
Menge Papier und Zettel mit Ideen bedeutet und weil man sich gnadenlos
immer wieder in Shakespeares Kosmos verzettelt.
Nomen est Omen.
Wo spielt ihr ? - und seit ihr eine Schule, eine Schauspielschule
und ein Haufen absolut verrückter die gerade von Shaekspeare
infiziert werden. Vorsicht dabei, es gibt nur eine Art Shakespeare
zu spielen und zu inszinieren: Alle oder keiner! Un drei Tage nach
Premiere hat man das Gefühl das man jetzt erst weis, was man
inszenieren wollte und will sofort alles nochmal machen.
Reply von Jürgen
Sehr einleuchtende Hinweise! Besonders die Idee mit Juans baumelnden
gelben Hosen am Schluß. Da wären ja viele szenische Varianten
denkbar. Mir ist überhaupt jetzt klar geworden, daß Handlung
und szenische Gesten hilfsweise hinzugedacht oder ggfs. hinzuinszeniert
werden müssen, damit die Shakespearesche Sprache zu Theaterfleisch
wird und nicht bloß burlesk oder romantisch oder heroisch
aufgesagtes Gedicht oder umständliche Prosa. Her mit noch mehr
Inszenierungs-Tips dieser Art, die nicht direkt am Text entlanggehen!!
Damit wir das Stück über die Rampe kriegen - direkt in
aktuelle Gefühlslagen!
Der andere Diskussionsstrang "Benedikt von Padua" usw.
hat mir noch mehr Kerzen angezündet, das ist natürlich
sehr wichtig für die szenischen Möglichkeiten der Figurenanlage:
der eher intellektuelle, aber auch verklemmte Benedikt aus Padua
gegen/mit dem leicht machohaften, aber auch sehr lyrisch-direkten
Claudio aus Florenz. Da muß bei Shakespeare offenbar viel
Historie mitgedacht werden, ohne später die Inszenierung damit
zu belasten, oder?
Ich glaube, wir kommen nicht umhin, uns doch ein bißchen mit
den Hintergünden Europ.Katholizismus - engl.protest. Insellage
/ überhaupt europ.-politische Geschichte im 16. Jh / Renaissance-Begriff
/ Wirtschaftsgeschichte uswusw zu beschäftigen. Gibt es hierfür
in Euren "Kreisen" zusammengefaßtes Material, das
direkt auf das Verstehen des Shakespeareschen Theaters zielt?
Ganz in mein Herz traf die dramaturgische Rolle der Musik/des Tanzes
in dem Stück: Zunächst mal Bühnenmusik, aber Musik
auch einsetzbar wie ein filmisches Mittel, um bspsweise die Szenen
auf dem Maskenball zu "schneiden", zudem Klanghintergrund
oder auch Leitmotiv der kommunikativen Unfähigkeit der Personen
usw. Tolle Möglichkeiten sehe ich da!!
Eine andere Frage noch nach den Übersetzungen. Wir haben die
Friedsche Fassung auf Empfehlung genommen. Wo sind prinzipiell die
Unterschiede zwischen Schlegel, Baudissin und Fried? Bzw., gibt
es noch andere, die man heranziehen könnte? Ein paar Stichworte
wären hilfreich!
Ach so - wer wir sind! Schlichtes Schultheater im Hamburger Norden
( in Hamburg ist Darstellendes Spiel ja allgemeines Schulfach!),
aber mit teilweise süchtiger Tendenz, alles andere ( bzw. mehr)
als nur ein Schulfach zu sein!
Zunächst mal herzlichen Dank & Gruß
Jürgen
Antwort:
Hallo Jürgen,
zunächst mal zu den Übersetzungen: Fried ist immer gut,
da er wunderbar modern ist und sich vorallem viel Mühe gegeben
hat auch die Wirtspiele und den Wortrhythmus bei zubehalten. Baudussin
ist immer eine gute Fundgrube, ist aber niemals als Textgrundlage
geeignet. Er verschweigt durchgehend die "rüden/schmutzigen"
Stellen (ebenso wie Wieland) - Baudussin ist aber teilweise ein
guter Dichter und manchmal passieren ihm auch Wortspiele bei seinen
freien Übersetzungen die an Schweinereien ohne gleichen sind.
Du kannst Baudussin und Wieland aber gerne außer acht lassen,
ist eher was zur persönlichen Unterhaltung.
Schlegel-Tieck ist natürlich der Klassiker und vorallem alle
bekannten Zitate sind von den beiden, sodaß ein hoher Wiedererkennungswert
beim Publikum ist, von denen sehr viele immer wieder ihre Lieblingszitate
haben. Die Übersetzungen sind durchweg sehr, sehr gut, obgleich
für die heutige Jugend etwas schwierig und altertümlich.
Man sollte aber immer Schlegel-Tieck mit den neuen Übersetzungen
vergleichen. Leider fehlen meistens Passagen bei Schlegel-Tieck,
von daher kann man sie leider auch nicht allein nehmen.
Last not least. es gibt zur Zeit bei dtv eine neue Übersetzungsreihe
von Frank Günther. Noch nicht alle, aber zum Glück auch
Viel Lärm und ich finde ihn teilweise besser als Fried. Reinschauen
lohnt sich, zumal er gute Sekundärliteratur bereithält.
Ansonsten bin ich ja höchst zufrieden. Soviel Lob, meiner
Treu !!!! Dein Benedikt/Claudio Ansatz finde ich gut. Zum Thema
Musik: Wir setzen bei unseren Stückem immer Musik ein und bei
Viel Lärm kam unsere Regisseurin auf eine ganz tolle Idee:
Der komplette Ball ar durchchoreographiert als Menuett, zudem wir
selber singen mußte (hatten noch keine Kohle für Musiker),
wie es sich gehört natürlich 4-Stimmig. Einziges Manko,
wir könnten natürlich nicht "in Stimmen" stehen,
da wir ja a) tanzten und somit die Positionen dauernd wechselten
und b) wir ja auch noch Text hatten. Daes Ergebnis war berauschend
und alptraumhaft zugleich. Keiner konnte die Stimmen halten, spätestens
sobald wir begannen den Text drüber zu sprechen herrschte Funkstille
im Ensemble (ein paar zaghadte propierten tapfer weiter zu singen),
ohne Musik waren alle nach und nach aus dem Takt und wir retteten
uns jedesmal indem irgendeiner laut anfing irgendwas zu singen und
der Rest verzweifelt mithielt (manchmal habe ich als Bass dann leider
auch Sopran gesungen!). Zu allem Unglück hatten wir auch noch
Masken auf und äußert dämliche Ballkostüme.
Du siehst der inszenatorischen Freiheit ist genügend Raum gegeben,
das Publikum wird dich dafür lieben, die Schauspieler dafür
hassen. Ich finde sowas muß bei jeder Inszenierung einfach
dabei sein !!!
Zum Them Geschichte. Es gibt bestimmt ein Standardwerk, aber ich
habe keins. Meine Infos habe ich mir bisher immer aus den Biographien
über Heinrich VIII und Elisabeth I/Maria Stuart geholt. Macht
Sinn, weil Heinrich dafür verantwortlich war und das ganze
Thema wird mit netten Anekdoten und spannenden Szenarien vorgesetzt.
Auf jedenfall interessanter als ein Ausflug in die Kirchengeschichte
und man entdeckt immer wieder aufs neue nette Parrallelen zu Shakespeare.
Wann habt ihr denn Preniere ? Da ich in Berlin wohne, ist Hamburg
ja nicht so weit.
Bis denne,
Andreas
Tipps von Andreas, 20.11.1999
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