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Theater > Inszenierungen > Allgemeine Fragen

Shakespeare's Werke auf Kinder- und Jugendbühnen

Die Frage ist einfach - soll man Shakespeares Werke in möglichst Originalgetreuer oder kindgerecht veränderter Form auf die Bühne bringen?

Eine Antwort lieferte Andreas:

Ich denke man muss erst unterscheiden zwischen Kinder und Jungendtheater. Für mich hat Kindertheater viel damit zu tun die Phantasie und die Vorstellungskraft der Kinder anzuregen und sie früh für Theater zu begeistern. Dazu muss man sie sehr ernst nehmen in ihrer Phantasie, in ihren Ängsten und Wünschen. Gutes Kindertheater ist für Erwachsene genauso interessant, obwohl ein Erwachsener meist weniger Phantasie hat.
Jugendtheater hat mehr mit sozialem Charakter zu tun - für mich, was bedeutet, hier versuche ich die Themen der Jungendlichen öffentlich zu machen, indem ich sie auf die Bühne bringen. Wenn man in der Pubertät ist, spürt man zwar sehr gut den Weltenschmerz, aber die eigene Welt ist sehr klein (deswegen will man ja raus) und dahe rist abstraktion schwierig, aber hilfreich. Von daher finde ich eine Shakespearverkrüzung für Jugendliche ungeeignet. Romeo udn Julia, Benedikt, Beatrice, die Liebenden aus dem Sommernachtstraum sind zwar nicht aus der Welt unserer heutigen Jugendlichen, aber es steckt ne menge Wahrheit in den alten Texten die heute immer noch verstanden werden. Wenn man also etwas spritziger Inzeniert und geschickt den Text streicht, brauht es keinen Jugend-Shakespeare (etwas was ich sehr schade bei der Fassung von Beat fand: Puck, Blume und Schwert, oder wie hies das nochmal).

Für Kinder finde ich es interessant Shakespeare auf die Bühne zu bringen. Hier muss stark adaptiert werden, da Kinder nur einer einzigen klaren Handlung folgen können. Romeo und Julia, Sommernachtstraum, Sturm, Perikles, Macbeth und Heinrich V finde ich da passend (wohlgemerkt kindgerecht, also man muss die Morde nicht zeigen), aber die Geschichten sind spannend und man erfährt viel über die Welt, die Eifersucht, die machtgier und die Liebe. Kinder erleben alles was auch wir erleben. Sie fragen anders danach und sie können vieles nicht begreifen. Aber wir sollten sie nicht für dumm verkaufen.

Stilistisch plädiere ich dafür sie auch viel mit Shakespeare zu konfrontieren. Nicht alle Sätze, aber es gibt die grossen Sätze in seinen Stücken und die kann ein Kind genauso verstehen oder noch nicht verstehen wie ein Erwachsener. Aber darum geht es ja im Theater man muss nicht alles verstehen, man soll es einfach erleben dürfen, man soll einfach unterhalten sein.
Ausserdem verlieren Kinder die Angst vor der hehren Kunst, und warum soll kein 8jähriger Hamlet lesen wollen. Er versteht vielleicht kaum was, aber sonst, schlecht ist es nicht, trotz Mord und Totschlag, denn den gibt es auf der Welt nunmal.

Kurzes Beispiel noch: Eine Bekannte war 4 als sie das erste mal in der Oper war. Sie hat nichts verstanden und fand aber alles genial. Die Kostüme, die Musik, das da Leute auf einer kleinen Bühne standen (sie sass im Rang). Mit 12 kannte sie alle Mozart Opern auswendig. Sie ist unmusikalisch, aber sie liebt die Oper. Und sie war nie in einer kindgerechten Oper - die hat sie dann später mit Plattenspieler und Playmobil für sich nachgespielt. Das also kann Theater bei Kindern auslösen; und das ist Wunderbar.

Wir versuchen selbst evtl. diesen Winter Shakespeare für Kinder zu machen. Es ist sau schwierig die Balance zu halten zwischen ja wir muten es ihnen zu oder "Das verstehen die sowieso nicht". Aber ich glaube daran wenn man Kinder ernst nimmt, und alle Möglichkeiten des Theaters nutzt, ist es auch für Kinder schön. Das haben wir nach 3 Jahren Kindertheater gelernt.

Achja, zum Thema Jugendtheater - ich glaube es wäre einfach besser wenn man die Schutradition ändern könnte, Pubertierende ins Theater zu prügeln, das sie sich einen Klassiker ansehen müssen um darüber ne Klassenarbeit zu schreiben. ich habe es gehasst und es hat Jahre gedauert bis ich freiwillig wieder ins Theater ging. Dadurch macht man alles kaputt. Theater soll unterhalten, soll bewegen. Nicht den Deutschlehrstoff übernehmen. Aber leider wird dieser Bildungpolitische Auftrag immer dazu benutzt Theater, Autoren und gute Stücke für die Ewigkeit zu verleiden. Aber das wäre dann noch ne andere Diskussion wert.

Andreas, Januar 2001

Eine Antwort konnte nicht ausbleiben - es reagierte Jürgen M. Brandtner

>>Wenn man also etwas spritziger Inzeniert und geschickt den Text streicht, brauht es keinen Jugend-Shakespeare (etwas was ich sehr schade bei der Fassung von Beat fand: Puck, Blume und Schwert, oder wie hies das nochmal).<<

Sag mal, woher nimmst Du eigentlich immer wieder diese Arroganz, Andreas? Wen meinst Du mit „man“ und wen nimmst Du als Bezugspunkt? Das ist doch wieder mal Nabelschau! Bist Du wirklich davon überzeugt, daß ihr die einzigen seid, die etwas von Theater verstehen, die einzigen, die es verstehen zu inszenieren und zu spielen? Es gibt sehr wohl immer wieder, hier und dort, spritzige Inszenierungen, denen eine geschickt gestrichener Text zugrunde liegt – nur macht dies allein noch kein Jugendtheater aus. --- Zudem muß man Jugendliche nicht für blöder halten als Kinder und Erwachsene. Will heißen, für sie muß man nicht mehr und nicht weniger kürzen, damit sie es verstehen, und auch nicht mehr und nicht weniger spritzig inszenieren, damit es ihnen gefällt. Es muß ganz einfach ihr Thema sein – und zeitgemäß (wegen des Lustfaktors) wieder erkennbar. Warum war die Verfilmung des Sommernachtstraumes vergleichsweise schnell wieder aus den Kinos verschwunden? Weil er ein Thema nicht zeitgemäß auf die Leinwand brachte. Dahingegen lief Romeo und Julia mit dieser „ach so faden Schlegel-Sprache“ – und gar nicht sooo sehr verkürzt oder adaptiert – ganz schön lange. Und warum? Weil hier ein Thema zeitgemäß auf die Leinwand gebracht wurde. --- Und nichts anderes hat Dein scheinbarer Duz-Bruder Beat (für nicht eingeweihte: Beat Fäh) damals mit dem Sommernachtstraum versucht. Seine Bearbeitung heißt übrigens: Rose und Regen, Schwert und Wunde.

>>Für Kinder finde ich es interessant Shakespeare auf die Bühne zu bringen. Hier muss stark adaptiert werden, da Kinder nur einer einzigen klaren Handlung folgen können. Romeo und Julia, Sommernachtstraum, Sturm, Perikles, Macbeth und Heinrich V finde ich da passend (wohlgemerkt kindgerecht, also man muss die Morde nicht zeigen), aber die Geschichten sind spannend und man erfährt viel über die Welt, die Eifersucht, die machtgier und die Liebe. Kinder erleben alles was auch wir erleben. Sie fragen anders danach und sie können vieles nicht begreifen. Aber wir sollten sie nicht für dumm verkaufen. <<

Letzteres mit Sicherheit nicht! Da hast Du absolut recht. Aber was ist z.B. an Macbeth für Kinder spannend? Die Hexen, okay. Und dann? Banquos Geist vielleicht noch. Und der heranrückende Wald. Die Pförtnerszene, wenn uns der Inhalt nicht interessiert. - Die Morde kommen von der Bühne weg. Und dann? Die Seelendramen des Ehepaars Macbeth? Die Verzweiflung Macduffs? etc. --- Und dann: Mit welcher der Figuren sollen sich Kinder in irgendeiner Weise identifizieren? Mit wem sollen sie mitfiebern dürfen? Mitlachen? Mitweinen? Mit Duncans Söhnen? Mit Fleance? ... Das wird, glaube ich, nicht so sehr für Kinder funktionieren.
Auf die weitere Stückauswahl will ich nicht eingehen. Einiges: Why not! Anderes hingegen: ....

>>Stilistisch plädiere ich dafür sie auch viel mit Shakespeare zu konfrontieren. Nicht alle Sätze, aber es gibt die grossen Sätze in seinen Stücken und die kann ein Kind genauso verstehen oder noch nicht verstehen wie ein Erwachsener.<<

Das verstehe ich nicht. (Vielleicht liegt’s auch an Deiner Grammatik.) Du nimmst „die grossen Sätze“ von Shakespeare ... und dann? Den Rest schmeißt Du weg? Oder schreibst Du ihn um? Oder baust Du gleich ein ganz anderes Stück um „die grossen Sätze“ herum?

>> ... trotz Mord und Totschlag, denn den gibt es auf der Welt nunmal. <<

Ja, den gibt es. Ist er deswegen gut? Soll man ihn deswegen in gleicher Weise wie in den Videospielen für Kinder kultivieren? Wenn ich mir die Auswirkungen davon bei meinen Neffen und ihren Altergenossen anschaue, kann ich nur sagen: Na, ich weiß nicht ...

>>Kurzes Beispiel noch: Eine Bekannte war 4 als sie das erste mal in der Oper war. Sie hat nichts verstanden und fand aber alles genial. Die Kostüme, die Musik, das da Leute auf einer kleinen Bühne standen (sie sass im Rang). Mit 12 kannte sie alle Mozart Opern auswendig. Sie ist unmusikalisch, aber sie liebt die Oper. Und sie war nie in einer kindgerechten Oper - die hat sie dann später mit Plattenspieler und Playmobil für sich nachgespielt. Das also kann Theater bei Kindern auslösen; und das ist Wunderbar. <<

Kostüme und Musik – eine prachtvolle Bilderwelt und ein berauschender Kosmos voller Töne. Beides etwas, das für sich stehen kann. Direkte Eindrücke. Wenn Du den Kindern das bei „ihrem Shakspeare“ auch zur Genüge mitgibst, steigen die Chancen schon wieder. Da spielt das Gespielte schon kaum mehr eine Rolle. Nur stellt sich mir dann sofort die Frage: Wozu dann Shakespeare „kindgerecht“ verbiegen, wo es doch haufenweise Kindgerechtes gibt? Und: Muß Kindertheater versuchen mit den großen Effekten aufzuwarten? Ist es für die Phantasie nicht viel reizvoller, wenn sie auf kleinen Effekten wuchern und wachsen darf? (So zumindest meine mehrjährige Kindertheatererfahrung.)

>>Achja, zum Thema Jugendtheater - ich glaube es wäre einfach besser wenn man die Schutradition ändern könnte, Pubertierende ins Theater zu prügeln, das sie sich einen Klassiker ansehen müssen um darüber ne Klassenarbeit zu schreiben. ich habe es gehasst und es hat Jahre gedauert bis ich freiwillig wieder ins Theater ging. Dadurch macht man alles kaputt. Theater soll unterhalten, soll bewegen. Nicht den Deutschlehrstoff übernehmen. Aber leider wird dieser Bildungpolitische Auftrag immer dazu benutzt Theater, Autoren und gute Stücke für die Ewigkeit zu verleiden. Aber das wäre dann noch ne andere Diskussion wert. <<

Klar, prügeln soll man niemand – und schon gar nicht ins Theater. Daraus womöglich resultierende Gameboy-Geräusche und Handy-Gepiepe beim SMS verschicken (selbst schon erlebt) verleiden den Theaterbesuch nicht nur den anderen Zuschauern, sondern auch den Schauspielern. Und der Lehrkörper wird sich in seiner pädagogischen Befähigung auch nicht gerade bestärkt sehen. --- Aber eine gewisse Unnachgiebigkeit die jungen Leute doch ins Theater zu bekommen gehört dennoch dazu. Da Theater Bestandteil unserer Kultur ist – und Schule ja einen kulturellen Lehrauftrag hat – kommt man da nicht umhin. --- Aber wäre es nicht von unserer Theaterseite auch ein gewisser Auftrag in der Sparte Jugendtheater nicht nur Jugendtheaterstücke peppig auf die Bühne zu bringen, sondern auch die Klassiker? Damit die Lehrkörper auch Inszenierungen finden, in die sie mit ihrer Schülerschar einfallen können – bei denen sie eher damit rechnen dürfen, das die Schüler nicht auf diese Art und Weise zu einer zusätzlichen Portion Schlaf kommen? ---

Damit sind wir wieder am Ausgangspunkt angekommen.
JA zu Shakespeare (und anderen Klassikern) fürs Jugendtheater – nur eben mit der Zielgruppe im Auge inszeniert. --- NEIN fürs Kindertheater, weil die Stücke des kindlichen oder kindgerechten „Helden“ entbehren und vom Inhalt her, na ja ...

Jürgen M. Brandtner, Januar 2001

 

 

 

 

 

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