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SHAKESPEARES
HÖCHST LAMENTABLE TRAGÖDIE
DES TITUS ANDRONICUS

Einleitung
zu einer unveröffentlichten Ausgabe
von Nelson W. Joiner

Aus dem amerikanischen Englisch von Joachim Koenig

UM ES GLEICH VORWEG ZU SAGEN: meine Profession ist keine gewöhnliche: Ich bin Titus-Andronicus-Forscher, noch dazu emeritierter. Nachdem ich mich nach meiner Collegezeit in verschiedenen Berufen versucht hatte, selbst als Tellerwäscher im Hotel Walldorf-Astoria, mußte ich erkennen, daß meine Aussichten auf den Posten eines Präsidenten der Vereinigten Staaten aus mehrerlei Gründen gleich Null waren: Meine Mutter ist schwarz, mein Vater Jude, ich selbst bin unehelicher Abkunft, dazu Atheist - das ist mehr, als der Toleranz des weißen amerikanischen Durchschnittswählers zugemutet werden kann.
Zum Verdruß meines Vaters, der mich mit derselben Beharrlichkeit vor seiner Ehefrau geheimhielt, mit der er meine, wie er sie nannte, brotlosen Künste dennoch finanziell heimlich unterstützte, studierte ich Philologie, vornehmlich Englische Renaissanceliteratur. Promoviert wurde ich 1960 an der University of California mit einer Dissertation über bis dahin wenig beachtete Aspekte im einhundertsiebenundzwanzigsten Sonett von Shakespeare, insbesondere über die Zeilen:
In the old age black was not counted fair,
Or if it were, it bore not beauty's name;
Da Hamlet, Macbeth und King Lear damals von den Briten dominiert wurden, erkannte ich, daß diese Stücke als Spezialgebiet für mich ausschieden. Wegen meiner Hautfarbe auch Othello: Ich wollte nicht von den falschen Leuten zitiert werden. Der Kaufmann von Venedig kam wegen meines Vaters, der noch dazu erfolgreicher Geschäftsmann war, gleichfalls nicht in Frage. Also suchte ich nach etwas Ausgefallenem. Natürlich wußte ich, daß es bereits bedeutende Andronicus-Forscher gab. Andererseits wollte ich es mir auch nicht zu leicht machen, obwohl es mir heute so vorkommt, als hätte ich während meiner gesamten Karriere immerfort nur Eulen nach Athen getragen. Ich könnte daher ebensogut behaupten, ich sei Eulenträger geworden. Wo es doch gewiß schon genügend Eulenträger gibt! Ich kenne sogar Kollegen, die keine einzige Eule gefunden haben und dennoch unablässig in Richtung Athen unterwegs sind, als seien auch Läufe ohne Eulen erstrebenswerte Ziele.
Schriebe ich hier das Vorwort zu einer wissenschaftlichen Edition, stünde ich jetzt vor der Frage, wem ich für die Mitarbeit an meiner Unternehmung danken sollte. Unter Herausgebern meines Faches ist zur Tradition geworden, daß man in Einleitungen jeden erwähnt, der zur Vollendung des Werkes beigetragen hat. Das können Herausgeber vorangegangener Ausgaben sein, oder ältere Professorenkollegen, bei denen man studiert hat; Tutoren und Studenten, die sich Sporen verdienen wollen; Bibliothekarinnen, die Sekundärliteratur beschafft haben und - nicht zu vergessen - die bescheidenen Damen, die in Vorzimmern die Reinschriften der Typoskripte anfertigten und natürlich - last but not least - die Ehefrau, die jahrzehntelang Abend für Abend nicht nur Geduld und Nachsicht bereithielt, sondern Morgen für Morgen auch Breakfast und heißen Tee. Doch lasse ich mich hier von meinem Hang forttragen, vom Thema abzuschweifen. Ich möchte also vorerst niemanden erwähnen, sondern einfach zu Andronicus kommen.
Quellen belegen den außerordentlichen Erfolg des Stückes in seiner Zeit. Mehreren Theatercompanien hat es wiederholt zu vollen Kassen verholfen. Ein Publikum, das gern öffentliche Hinrichtungen besuchte, wußte auch die Grausamkeiten einer Rachetragödie zu schätzen. Hier wird gestochen, gehackt, geköpft, gehängt, verstümmelt und geschändet, daß die Fetzen fliegen. Die blutigsten Taten geschehen allerdings meistens offstage, hinter der Bühne. Die Resultate werden jedoch nach jedem Vollzug dem geneigten Publikum vorgezeigt: Atrappen abgeschlagener Köpfe, abgeschlagener Glieder, blutiger Gewänder. Es muß damals für Schauspieler beschwerlich gewesen sein. Da die Elisabethanischen Companien zahlenmäßig nur klein waren, hatten Darsteller, die in einem Stück mehrere Rollen spielten, innerhalb von zwei Stunden oft mehrmals zu sterben, entweder auf der Bühne oder offstage.
Zu Beginn streiten Saturninus und Bassianus, Söhne des kürzlich verstorbenen römischen Imperators, vor dem Kapitol um die Thronfolge. Das Volk, oder wenigstens ein Teil des Volkes, soll wählen, wen der beiden Kronprätendenten es lieber haben will: Saturninus oder Bassianus. Die Lage sieht gefährlich aus, da jeder der Brüder schwer bewaffnete bodyguards mitgebracht hat.
Unerwartet erschallen Pauken und Trompeten. General Titus Andronicus kehrt aus dem siegreich beendeten Feldzug - es ging gegen die Goten - im Triumphzug heim. Von den fünfundzwanzig Söhnen, die aus des Generals stets fruchtbaren Lenden eilig zwischen Siegen und neuen Gefechten entsprossen sind - der Zuschauer erfährt nicht in wie vielen Frauen - leben nur noch vier, die gerade einen - oder sind es mehrere? - Särge herbei tragen, worin weitere Brüder liegen. Bestattet wird wie immer im Erbbegräbnis der Familie Andronikus. Alle Brüder sind für Rom gefallen. Keiner hat ein unrühmliches Ende im Bett finden müssen. Jetzt verlangen die vier noch lebenden, daß der älteste Sohn der gefangenen Gotenkönigin Tamora auf dem Altar geopfert werde. So sei es seit alters Sitte. Heilige religiöse Gebräuche machen die sofortige Abschlachtung des Alarbus erforderlich. Tamora fleht auf Knien um das Leben ihres Sohnes. Vergebens! Geister lassen sich nur durch Menschenopfer besänftigen: Die Gliedmaßen des Alabarbus - so will es das Ritual - müssen abgehackt, der Leib zerstückelt und mit den Eingeweiden ins Opferfeuer gegeben werden, bis süßer Rauch zum Himmel aufsteigt: Ad manes fratrum, den Schatten der Brüder. Das geschieht natürlich - manch Zuschauer mag das seinerzeit bedauert haben - off-stage. Nach vollzogener Procedur kehren die Söhne des Titus mit tropfenden Schwertern vor das Kapitol zurück. Die Lemuren können sich derweil am wohlriechenden Opferrauch berauschen; Titus Andronicus jedoch ist nach dieser Tat in der Gotenkönigin Tamora eine Todfeindin erwachsen.
Gleich darauf geht der Wahlkampf weiter. Der Plebs jubelt Andronicus zu. Der wankelmütige Plebs will weder Saturninus noch Bassianus als Imperator. Der Plebs will Titus Andronicus, den greisen General. Doch der lehnt ab: Er fühle sich zu alt, Herrscher über Rom zu werden. Ein Jüngerer solle der Erwählte sein: Saturninus, der älteste Sohn des dahingegangenen Kaisers. Die Menge applaudiert wie immer, wenn der General etwas vorschlägt. So wird Saturninus Imperator. Zum Dank will er Lavinia, die einzige Tochter des Titus, zu seiner Kaiserin machen. Titus gibt sie ihm und mit ihr alle Gefangenen aus dem letzten Feldzug dazu, also auch die Gotenkönigin Tamora. Der General ist nun zwar nicht selbst Kaiser geworden, aber immerhin künftiger Schwiegervater eines Kaisers.
Bassianus protestiert. Die vier überlebenden Söhne des Titus ergreifen für ihn Partei: Lavinia sei bereits rechtskräftig mit Bassianus, dem Bruder des neuen Imperators, verlobt. Bassianus nimmt sich daher nur, worauf er gesetzlichen Anspruch hat: Er entführt Lavinia, um sie dem Zugriff des Kaisers zu entziehen. Die Söhne des Titus stehen ihm bei. Der General gerät außer sich. Gilt sein Wort nicht mehr? Sein Sohn Mutius will verhindern, daß der Vater seine einzige Tochter aus den Armen der Entführer reißt? Gerät denn die Welt aus den Fugen? Seit wann wenden Söhne sich gegen Väter? Titus zieht den Dolch und durchbohrt Mutius. Fiat justitia, pereat mundi. Titus kennt keinen Sohn Mutius mehr. Wer sich gegen den eigenen Vater stellt, darf nicht länger Sohn heißen.
Oben auf dem Balkon erscheint Saturninus. Stolz verkündet er, auf die entführte Lavinia verzichten zu wollen. Er nehme an ihrer Statt lieber Tamora, die ihm bei genauerem Hinsehen besser gefalle als Lavinia und jede andere römische Dame. Gerade als die Situation am hoffnungslosesten erscheint, löst sich plötzlich der Knoten: Es wird keinen Skandal geben sondern eine Doppelhochzeit: Der Kaiser heiratet die verwitwete Gotenkönigin Tamora und Bassianus seine Verlobte Lavinia. Tamora ist es, die unerwartet versöhnliche Töne anstimmt. Sie tut es mit flötenweicher Stimme. Dabei hat sie grausame Hintergedanken: Sie will, wenn ihre Stunde gekommen ist, Rache. Zunächst jedoch herrsche Eintracht! Was geschehen ist, ist geschehen. Die Toten sind tot, ob in der Schlacht gefallen, auf dem Opferaltar zerhackt oder vom Vater erdolcht. Nur die Lebenden leben. Der General fügt sich. Unbeirrbar bleibt er der treue Vasall. Tamora kann triumphieren: Ein Tag der Liebe soll es werden. Morgen, nach der Brautnacht, kann der General mit dem Kaiser und dessen Bruder zur Jagd auf Panther und Hirsch ziehen.
Finstere Zeiten? Das erscheint uns Heutigen vielleicht nur so, weil die Grausamkeit andere Erscheinungsformen angenommen hat. Wir wissen jedoch, daß die Römer Menschenopfer schließlich abschafften und das Christentum als Staatsreligion übernahmen. Das einzige Opfer, das zählte, war fortan kein Geringerer als der Religionsstifter selbst. Damit erschienen weitere Menschenopfer überflüssig. Es war eben das unglückliche Los des Generals Andronicus, vor Einführung der neuen Religion gelebt zu haben.
Hier sei mir eine Abschweifung erlaubt: Washington Joiner, ein Onkel meiner Mutter, ist ebenfalls auf grausame Weise getötet worden. Das geschah 1903 in Alabama, im tiefen Süden. Inzwischen liegt freilich auch das Jahr 1903 schon wieder kaum noch wahrnehmbar im Nebel der Geschichte. Ehrenwerte Bürger wollten anfangs Washington Joiner teeren und federn. Weil aber nicht schnell genug Teer zur Hand war, hängten sie ihn einfach auf. Ein altes, braunes Photo dokumentiert den Vorfall. Der Neger Washington Joiner hatte gegen ungeschriebene und geschriebene Gesetze der Südstaaten verstoßen. Ihm wurde vorgeworfen, eine weiße Frau vergewaltigt und ihr anschließend die Kehle durchgeschnitten zu haben. Allerdings fand mein Urgroßvater Moses später etwas anderes heraus, das ich hier aber nicht vorwegnehmen möchte.
Jetzt geht es erst einmal zu Titus Andronicus zurück. Der Mohr Aaron tritt auf. Wenige Sätze genügen und jedem wird klar, daß Aarons Seele noch schwärzer ist, als seine Haut. Wie er als Farbiger unter die Germanen geraten ist, erfahren wir nicht. Seine Vergangenheit muß jedoch abenteuerlich sein: Ein dunkelhäutiger Schurke im Solde der Goten und nebenher heimlicher Geliebter Tamoras, Roms anvermählter Kaiserin!
Tamoras noch am Leben gebliebene Söhne haben, obschon sie Goten sind - reinrassige Germanen also - griechisch klingende Namen. Sie heißen Chiron und Demetrius und sind, wie sich gleich zeigt, ebenfalls Schurken. Jedoch verfügen beide nicht über den Scharfsinn und den Erfindungsreichtum des finsteren Aaron. Sie streiten vielmehr auf läppische Weise darüber, wessen verbotene Liebe zu Lavinia, der neuen Schwägerin des Kaisers und Tochter des Titus, berechtigteren Anspruch auf Erfüllung habe: die Chirons oder die des Demetrius. Der Mohr, der den Streit mitanhört, erteilt den beiden einen Rat, den die abgefeimten Schurken sofort begeistert annehmen: Wozu erst große Worte über Gefühle verlieren? Heute ist Jagdtag. Während die Hohen Herren zu Pferde bei Hörnerklang und Hundegebell im Unterholz Panther und Hirsch aufstöbern, sollen Chiron und Demetrius die günstige Gelegenheit nutzen, um Lavinia, die ahnungslos Waldwege durchstreift, zu überwältigen und nach Herzenslust zu schänden.
Es kommt aber schließlich noch schändlicher, als der Zuschauer ahnt. Tamora nutzt den Morgen nach der Brautnacht, da der kaiserliche Gemahl seinem Jagdtrieb frönt, um ihrem schwarzen Galan im Wald ein Tête-a-tête zu gewähren. Scheinbar zufällig werden sie dabei überrascht. Lavinia und ihr Gatte Bassianus, der offenbar nicht in rechter Jagdlaune ist, entdecken das Liebesnest. Die Situation ist höchst verfänglich. Lavinia und Bassianus entrüsten sich über Tamoras Verhalten. Die Kaiserin! - und ihr Lover noch dazu ein Farbiger! Wenn das der Imperator wüßte!
Nun - der gehörnte Imperator wird nichts erfahren. Tamoras Söhne sind inzwischen Lavinia auf die Spur gekommen und treten zwischen den Bäumen hervor. Geistesgegenwärtig fleht Tamora ihre Söhne um Hilfe an. Sie sei von Bassianus und Lavinia arglistig in einen Hinterhalt gelockt worden. Gerade sollte sie an einen Baum gefesselt werden, um in unwirtlicher Wildnis zu verderben. Schimpf und Verleumdung seien ihr bereits angetan worden. Demetrius und Chiron ziehen blank und durchstechen Bassianus auf der Stelle. Anschließend zerren sie, angestachelt von der rachsüchtigen Mutter, die widerstrebende Lavinia tiefer ins Gehölz, um an ihr die höllische Fleischeslust off-stage zu stillen.
Aaron schleift den toten Bassianus in eine Erdhöhle. Der Anschlag wurde perfide vorbereitet. Als nächstes müssen Unbeteiligte in die Falle gelockt und als Mörder bezichtigt werden. Martius und Quintus, die Söhne des Titus, sollen es sein. Von der Jagd ermüdet, glauben sie Aarons Bericht, er habe einen Panther in seinem Unterschlupf ausgespäht. Dort ist die Grube. Martius beugt sich vor und stürzt hinein, fällt auf den toten Bassianus - Wüst hingestreckt wie ein geschlachtet Lamm - Er schreit auf. Sein Bruder Quintus will ihm heraushelfen und stürzt selbst hinab. Beide versuchen noch, sich zu befreien, als Aaron schon mit dem Imperator vor die Mördergrube tritt. Was wimmelt dort in dem grausigen Erdloch? Was haben des Titus Söhne darin zu schaffen? Es ist zu spät. Die Falle ist zugeschnappt. Als Tamora mit ihrem Gefolge und Titus mit seinem Sohn Lucius kommen, wird die Situation noch prekärer: Tamora liest einen Brief vor, den ihr Titus vom Boden aufhebt. Daraus geht eindeutig hervor, daß Bassianus gemeuchelt wurde. Martius und Quintus sind in flagranti ertappte Täter. Vergebens bietet Titus sich dem Kaiser als Bürge an: Der Fall sollte doch erst genauer untersucht werden! Saturninus jedoch will von keiner Bürgschaft wissen. Die Mörder können nur ein gerechtes und angemessenes Urteil erwarten: den Tod durch das Richtschwert.
Unterdessen haben Chiron und Demetrius ihre Brunst gekühlt und Lavinia geschändet. Damit sie nichts verraten kann, haben sie ihr die Zunge herausgeschnitten; damit sie nichts aufschreiben kann, beide Hände abgehackt. In dieser Verfassung findet sie Markus Andronicus, des Titus jüngerer Bruder, der gerade vom Jagen kommt. Zur gleichen Zeit werden Martius und Quintus, umringt von Richtern, Senatoren und Tribunen, vom Henker zum Richtplatz geführt. Titus rast vor Schmerz. Doch alle Tränen, alle Worte sind vergebens. Lucius, der letzte Sohn des Titus hat das Menschenmögliche vor den Richtern bereits versucht. Er ist dafür mit ewiger Verbannung bestraft worden. Um das Maß voll zu machen, führt jetzt Markus Andronicus die geschändete und verstümmelte Lavinia heran. Das aber ist noch immer nicht das Ende. Aaron, verkündet des Kaisers Willen: Wenn sich Titus die Hand abhacken ließe, würde der Kaiser die Verurteilten begnadigen.
Natürlich läßt sich Titus für seine Söhne die Hand abhacken, und natürlich war das nur ein weiterer Schurkenstreich Aarons und seiner kaiserlichen Buhle. Der Mohr nimmt die abgehauene Hand entgegen, um sie, wie er sagt, dem Kaiser zu bringen. Aus den Worten, die er beiseite spricht, erfährt der Zuschauer jedoch etwas anderes. Und wirklich, wenig später trägt ein Bote die Köpfe von Markus und Quintus herbei, dazu die abgehackte Hand des Titus. Jetzt endlich ist der Tiefpunkt erreicht: Die Tochter geschändet und verstümmelt, zwei Söhne hingerichtet, der letzte verbannt, der Vater verhöhnt und ebenfalls verstümmelt. Titus rast nicht mehr, seine Tränen sind versiegt. Er gibt jetzt Laute von sich, mit denen keiner gerechnet hat: Ein grauenhaftes Gelächter!
Die Reaktion ist umgeschlagen. Titus weiß jetzt eines: Er wird sich an Saturninus und dessen blutrünstiger Kaiserin Tamora auf unerhörte Weise rächen. Der verbannte Sohn Lucius solle sich zu den Goten durchschlagen und dort ein Heer anwerben, mit dem er Rom bedrohen könne. Wohl ist der alte Löwe Titus verwundet; doch ist er dadurch noch gefährlicher geworden. Er trägt mit seiner ihm verbliebenen Hand einen abgeschlagenen Kopf, sein Bruder Markus den anderen. Lavinia aber, die keine Hände mehr hat, nimmt die leblose Hand des Vaters zwischen die Zähne. So treten sie ihren blutigen Rachezug an.
An dieser Stelle muß ich Washington Joiner erwähnen, meinen unglücklichen Großonkel. Als mir meine Mutter sein Schicksal kurz vor ihrem Tode, im Jahre 1975, enthüllte, fielen mir sofort die Parallelen zur Tragödie des Titus Andronicus auf. Washington Joiner liebte eine weiße Frau und sie ihn. Das allein wäre damals in Alabama Grund genug gewesen, den schwarzen Liebhaber zu lynchen. Die beiden verabredeten sich manchmal in einem Wald außerhalb der Stadt, wo sie Pläne machten, heimlich nach New York zu fliehen. Dort würden sie in der Anonymität der Großstadt heiraten und ein normales Leben führen können. Einmal kam Washington Joiner etwas später zum Stelldichein und hörte bereits von weitem seine Geliebte um Hilfe schreien. Die Brüder Williams, zwei jugendliche Taugenichtse, waren gerade dabei, ihr mit Gewalt und in eindeutiger Absicht die Kleider vom Leibe zu zerren. Washington Joiner eilte ihr todesmutig zu Hilfe, unterlag aber und wurde an einen Baum gebunden. Danach setzten die Brüder ihr unterbrochenes Vorhaben fort, töteten danach das Opfer mit Washington Joiners Messer und führten meinen Großonkel gefesselt in die Stadt. Hier erklärten sie einem zusammen gelaufenen Mob, der verdammte Nigger hätte eine weiße Frau überfallen, vergewaltigt und dann getötet. Zwei Stunden später pendelte Washington Joiners Leichnam an einem Baum vor der Stadt. Sheriff Vergil Williams, der Vater der wahren Mörder, hatte seine Söhne wegen ihrer Tapferkeit öffentlich gelobt und den beschuldigten Nigger der Lynchjustiz überlassen. Die Geschichte hätte aber nie eine Fortsetzung gefunden, wäre nicht zwei Jahre später ein Zeuge bei meinem Urgroßvater Moses Joiner aufgetaucht, der die wirkliche Begebenheit aus dem Verborgenen mitangesehen hatte. Doch davon später.
Titus Andronicus sinnt auf Rache. Dabei kommt die ganze Wahrheit ans Licht. Lavinia macht sich auf ihre Weise verständlich. Mit einem Stab, den sie mit den Zähnen festhält und mit den Füßen führt, schreibt sie, was ihr geschehen ist, in den Sand:

S T U P R U M C H I R O N D E M E T R I U S

Drei Worte genügen: Schändung - Chiron - Demetrius

Der verwundete Löwe faßt sofort einen Plan, der in seinem grenzenlosen Haß, den satanischen Plänen seiner Widersacher ebenbürtig ist. Zuerst versucht er sie zu beunruhigen, indem er Tamoras Söhnen Waffen schickt und einen Begleitbrief mit Horazversen: Integer vitae, scelerisque purus / Non eget Mauri jaculis, nec arcu. - Wer rein von Herzen, schuldlos an Frevel / Nicht bedarf er des Mauren Wurfspieß noch Bogen.
Chiron und Demetrius verstehen Latein. Doch obwohl sie Horaz gelesen haben, ahnen sie nichts. Im Gegenteil, sie fühlen sich geschmeichelt und deuten das Geschenk als demütige Geste des erniedrigten Titus. Aaron ist scharfsinniger. Er durchschaut, daß Titus das Ganze herausgebracht hat. Freilich kann er Tamora damit jetzt nicht behelligen. Tamora hat anderes zu tun: Tamora liegt in Kindsnöten. Gleich darauf erscheint eine Amme mit Tamoras neugeborenem Sohn. Eine Katastrophe bahnt sich an: Der neugeborene Sohn des Kaisers ist - schwarz. Aaron soll ihn daher beseitigen. Aber Aaron denkt nicht daran. Sein eigener kleiner Sohn erweckt plötzlich Vatergefühle in ihm. Chiron und Demetrius sind entsetzt. Neben einem schwarzen Bruder sollen sie künftig leben?
Der Mohr weiß sich wie immer zu helfen. Geistesgegenwärtig ersticht er die Amme als gefährliche Zeugin. Die Hebamme soll ihr bald nachfolgen, damit Tamora makellos bleibt. Wenn das schwarze Kind gegen ein weißes vertauscht wird, kann der vertrauensselige Kaiser keinen Verdacht schöpfen. Während Demetrius und Chiron die Leiche der Amme forttragen, nimmt Aaron den Säugling, um ihn zu den Goten zu schaffen. Dort soll er in der Einsamkeit zum Krieger und Heeresfürsten heranwachsen.
Indes fährt Titus fort, seine Widersacher zu beunruhigen. Er läßt Pfeile in den Hof des kaiserlichen Palastes schießen mit Bitten an die Götter, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ad Jovem, ad Apollinem, ad Martem - an Jupiter, an Apollo, an Mars. Der Kaiser fühlt sich verhöhnt. Als er einen Brief empfängt, worin er als Schlächter der Titussöhne bezeichnet wird, gerät er außer sich und befiehlt den Überbringer zu hängen. Gerade will er befehlen, den alten, offenbar wahnsinnig gewordenen Titus an den Haaren herbeizuschleifen, als ein anderer Bote eine Schreckensnachricht bringt: Die Goten, angeführt von Lucius Andronicus, stehen vor Rom.
In dieser gefährlichen Lage bewahrt einzig Tamora kaltes Blut. Ein alter, wahnsinnig gewordener Mann kann sie nicht schrecken. Sie will zu ihm, damit er seinen Sohn Lucius davon abhält, Rom mit Gewalt zu erobern. Sie ist sich ihrer Sache sicher. Sie vertraut ihrem Charm. Tamora blickt der Zukunft gelassen entgegen.
Aaron ist derweil mit seinem Kind in die Hände des Lucius Andronicus gefallen. Um wenigstens seinen kleinen Sohn zu retten, enthüllt er voller Stolz alle Untaten, an denen er beteiligt war: Den Mord an Bassianus, die widerrechtliche Enthauptung von Martius und Quintus, die Schändung der Lavinia, die Täuschung des alten Titus, die illegitime Schwängerung der Kaiserin. Nichts kann ihn schrecken. Der Tod schon gar nicht.
In Verkleidung, klopft Tamora mit ihren Söhnen bei Titus an. Ihr Name sei nicht Tamora sondern Rache, der Name ihrer beiden Söhne Mord und Notzucht. Titus spielt den Wahnsinnigen meisterhaft. Komm, grause Furie, in mein wehvoll Haus. /Auch ihr seid mir willkommen, Mord und Notzucht. Er bittet die Herren Mord und Notzucht und die Dame Rache seinen Widersachern ein grausames Ende zu bereiten. Seine Feinde seien leicht zu erkennen, sie sähen selbst aus wie Rache, Mord und Notzucht. Tamora verspricht, alle Wünsche des geistesgestörten Generals zu erfüllen, wenn dieser dabei folgendermaßen vorgehe: Titus solle seinen Sohn Lucius und die ranghöchsten Gotenfürsten zum Festessen in sein Haus einladen. Dafür wolle sie ihm im Gegenzug alle seine Feinde ans Messer liefern: Tamora, deren Söhne, ja selbst den Kaiser.
Der General stimmt zu. Er bittet seinen Bruder Markus, Lucius einzuladen, bedingt sich aber aus, daß die Herren Mord und Notzucht bis zum Eintreffen der Gäste in seinem Hause blieben.
Diesmal ist es Tamora, die sich täuschen läßt. Kaum ist sie fort, ruft Titus seinen Neffen Publius und seine Diener herbei. Chiron und Demetrius werden gefesselt und geknebelt. Die Stunde der Rache hat geschlagen, das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Lavinia trägt mit ihren Armstummeln eine Opferschale herbei, die das Blut aus den Gurgeln der Mörder und Schänder auffangen soll. Aus ihrem zermahlenen Gebein und aus ihrem Blut will Titus eine Pastete zubereiten. Davon soll Tamora auf dem Gastmahl essen, ohne zu wissen, daß sie die eigene Brut verspeist.
Die Gäste betreten das Haus: Von der einen Seite Lucius Andronicus, die Gotenfürsten, der gefangene Aaron, der aber sofort nach hinten geschafft wird; von der anderen Seite Saturninus, Tamora, Tribunen, Senatoren und anderes Gefolge. Titus Andronicus, als Koch gekleidet, setzt eigenhändig die Gerichte auf die Festtafel. Lavinia erscheint verschleiert. Feierliche Oboenmusik erschallt.
Während des Essens stellt der General dem Kaiser eine Frage: Tat der edle Virginius recht, als er seine entehrte Tochter tötete? Der Kaiser antwortet spontan mit Ja: Ehre gehe immer vor Leben, Tod vor Schande. So sei es denn! Der General ersticht seine Tochter Lavinia mit dem Kochmesser. Ihre Schande hat ein Ende.
Der Kaiser ist entsetzt. Wer trieb ihn denn zum Mord der einzigen Tochter? fragt Tamora, von der eigens für sie zubereiteten Pastete essend. Demetrius und Chiron waren es, antwortet der General. Sie haben Lavinia geschändet und verstümmelt. Man solle sie augenblicklich herbeiholen, ruft der Kaiser. Aber sie sind doch schon da: als Zutaten dieser Pastete, von denen die Mutter gerade mit solchem Appetit ißt. Tamora bleibt der Bissen im Halse stecken. Noch ehe sie wieder schlucken kann, fährt das Kochmesser des Generals auch durch ihr Herz. Der Kaiser springt auf und tötet Titus. Lucius Andronicus durchbohrt den Kaiser. Fünfzehn Tote innerhalb von zwei Stunden. Das gibt es nur in wenigen Dramen.
Der Weg für Lucius ist frei. Er kann neuer Kaiser von Rom werden. Den schwarzen Aaron wird er bis zur Brust eingegraben und verhungern lassen. Titus und Lavinia Andronicus kommen ins Erbbegräbnis, Tamora auf den Mist, wo Wölfe und Aasgeier ihren Kadaver fressen sollen. 1923 erregte diese Szene bei einer Aufführung in London Heiterkeit. Das Publikum, noch abgehärtet von den Schrecken des ersten Weltkrieges, quittierte die zahlreichen Toten auf der Bühne des Old Vic mit Gelächter.
Abschließend noch die Fortsetzung der lamentablen Geschichte des Baumwollpflückers Washington Joiner. Sein Vater - also mein Urgroßvater - Moses Joiner, war Hilfskoch in einem Restaurant für Weiße. Eines Abends sprach ihn ein trunksüchtiger Bettler namens Ben Waters an. Für eine Flasche Whiskey könne mein Urgroßvater die Wahrheit über seinen Sohn Washington erfahren.
Er hörte eine grausige Wahrheit, die er auf noch grausigere Art fortsetzte. Er überfiel nachts die bezechten Brüder Williams auf dem Heimweg zu ihrem abgelegenen Hause vor der Stadt. Er schlug sie nieder, fesselte sie und schleppte sie nacheinander in den Wald, wo sie den Mord verübt hatten. Dort schlachtete er sie mit dem Kochmesser und entnahm ihnen die Lebern. Die Leichen warf er in eine Grube und bedeckte sie mit Laub. Am nächsten Tage bereitete er aus den Lebern ein Essen, das Virgil Williams, der Vater der Getöteten, jeden Mittwoch abend in diesem Restaurant zu ordern pflegte. Ein weißer Kellner setzte es ihm vor, im Glauben, es handele sich um die üblichen gebratenen Leberstücken mit jungem Mais, die der alte Williams auch sonst in diesem Restaurant verzehrte. Das Essen erschien Virgil Williams heute besonders delikat. Er trank deshalb einen Verdauungsbourbon mehr als sonst und zahlte. Vor seinem Haus lauerte mein Urgroßvater ihm auf. Er betäubte den Exsheriff mit einem Schlag über den Kopf, steckte ihn, gefesselt und geknebelt, in einen Sack und trug ihn in den Wald. Hier warf er ihn zu seinen Söhnen in die Grube, scharrte das Laub beiseite, damit Vergil Williams am nächsten Morgen die Wahrheit erkennen könne, und setzte sich an einen Baum. Der Morgen kam, doch da war Vergil Williams längst tot, vor Angst gestorben, oder vielleicht auch an den Folgen des Schlages über den Hinterkopf. Seine weit geöffneten Augen starrten unverwandt in die Kronen der Bäume.
Mein Urgroßvater füllte die Grube mit Sand, legte trockene Zweige darüber und ging nach Hause. Dort erzählte er meiner Großmutter die Geschichte von Anfang bis zu Ende. Anschließend ging er in den Schuppen, wo er sich an einem Dachsparren erhängte.
Der alte Williams und seine Söhne wurden nie gefunden. Da sie hoch verschuldet waren, wurde allgemein angenommen, sie seien irgendwo im Norden untergetaucht. Von meinem Urgroßvater aber hieß es, er habe sich im Wahnsinn selbst umgebracht, weil er den Tod seines Sohnes nicht vergessen konnte.
Für die Wahrheit dieser Geschichte kann ich mich natürlich nicht verbürgen. Ich glaube sie einfach. Moses Joiner war Analphabet. Er kannte weder die Tragödie des Titus Andronicus noch hatte er den Namen Shakespeare auch nur gehört. Der Plan, demjenigen, an dem man sich rächen will, die eigene Brut als Speise vorzuset-zen, hat antike Vorbilder. Auch die kannte mein Urgroßvater nicht. Er schöpfte sie einzig aus jenen verborgenen Abgründen menschlicher Phantasie, die sich mitunter dem Haß öffnen.
Kurz bevor mein Vater einen Gehirnschlag erlitt und niemanden mehr erkannte, besuchte ich ihn in New York, in einem jüdischen Altersheim für wohlhabende Senioren, in das er sich nach dem Tod seiner Frau zurückgezogen hatte. Er lag auf der Couch und hielt einen Band Shakespeare in Händen. Geschäftsmann, der er geblieben war, hatte er eine britische Taschenausgabe gekauft, die nur einen Dollar fünfzig kostete.
"Ich habe jetzt endlich einmal dieses verrückte Stück gelesen, diesen Titus Andronicus", empfing er mich. "Ein Meisterwerk ist das nicht gerade. Ich begreife nicht, wie sich jemand von Berufs wegen mit solchem Tinnef beschäftigen kann."
Am liebsten hätte ich geantwortet: "Diese ganze Schöpfung ist doch nur Tinnef." Jedoch fiel mir noch rechtzeitig ein, das seien möglicherweise keine Worte für einen alten Mann, der bald zu seinen Vätern heimkehren wird. Ich sagte daher möglichst beiläufig: "Du hast recht, ich hätte lieber Hamlet wählen sollen."

© Nelson W. Joiner, Übersetzung Joachim Koenig

 

 

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