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Forschung > Romeo & Julia
Warum soll Romeo nicht beim Mond schwören?
„Die Elizabethaner lebten im Zeichen des Mondes. Der Mond
war das Symbol ihrer Königin, Elizabeth I. In der Lyrik der
Zeit verehrten ihre Dichter sie als Diana, Cynthia oder Belphoebe
unter den verschiedenen Namen der Göttin des Mondes. Der Mond
stand für die 'Virgin Queen, die jungfräuliche Kömgin
Elisabeth, weil er Weiblichkeit und Keuschheit symbolisierte. Er
symbolisierte auch das Imperium, und er war, wie die siegreiche
Königin nach der Vernichtung der spanischen Armada, Herrscher
über die Meere. Als Herr der Gezeiten regierte der Mond die
See: er war, wie es in Hamlet heißt, »der feuchte Stern,
des[sen] Einfluß waltet in Neptuns Reich« (1.1.121).
In jedem Werk Shakespeares kommt das Wort >Mond<
mehrfach vor. Tatsächlich waf die symbolische Bedeutung des
Mondes schier unbeschränkt: man verband mit dem Mond die Frau,
Sex und Erotik, Unsterblichkeit, Wahnsinn, Wandelbarkeit und poetische
Kreativität. Was immer der Mond dann im einzelnen bedeutete
- es konnte auch das Gegenteil sein. Die Elizabethaner glaubten,
daß der Mond nicht nur für die Tide verantwortlich war,
sondern generell das Wasser - auch die menschlichen Körperflüs-sigkeiten
- regulierte. Das betraf, neben dem Zyklus der Frau, die Körpersäfte
eines Menschen, die sein Temperament, d. h. seine Charaktereigenschaften,
ausmachten. Mit dem Wechsel von Ebbe und Flut und mit der sicht-baren
Veränderlichkeit des Mondes stand er für Wechselhaftigkeit.
Diese Bedeutung der Unbeständigkeit des Mon-des ist es auch,
die Julia veranlaßt, zu Romeo zu sagen: »O schwöre
[deine Liebe] nicht beim Mond, dem Wandelba-ren, / der immerfort
in seiner Scheibe wechselt, / damit nicht wandelbar dein Lieben
sei« {Romeo und Julia, 2.2.112-114). In seiner Inkonstanz
war der Mond aber auch ein gängiges Bild für den Wankelmut
der Frauen. Gleichzeitig war der Mond jedoch auch das Symbol für
Unsterblichkeit -von der Normalsterbliche profitieren konnten, wenn
sie sich als Liebende wie Romeo und Julia im Mondlicht trafen und
in ihrer Liebe zueinander unsterblich wurden.
Der Mond konnte für Keuschheit stehen, aber es wurde ihm auch
nachgesagt, er steigere die Empfängnisbereitschaft. Bestimmte
Kräuter, die im Mondenschein gepflückt wurden, galten
als besonders wirkungsvolle Aphrodisiaka. Auch Chaos und Verderben
wurden mit dem Mond in Verbindung gebracht. So wie Mondeinflüsse
Unwetter über die Erde (den Makrokosmos) bringen konnten, konnten
sie auch für Wutausbrüche des Menschen (dem Mikrokosmos)
verantwortlich sein. Der vor Eifersucht rasende Othello, der von
der Ermordung seines Leutnants erfährt und selbst kurz davor
steht, seine Frau Desdemona zu töten, ruft aus: »Das
hat wahrhaftig nur der Mond verschuldet; / er kommt der Erde näher,
als er pflegt, / und macht die Menschen rasend« (Othello,
5.2.110-112). Und schließlich wirkte sich der Mond nicht nur
förderlich auf den Wahnsinn und die Liebe aus, sondern auch
auf die Kreativität der Dichter.“
Christiane Zschirnt, 2000, geposted von André Gröchel
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