Re: O, She doth teach the torches to burn bright ...


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Geschrieben von Patrick O'Hara am 27. Mai 2000 17:34:36:

Als Antwort auf: Re: O, She doth teach the torches to burn bright ... geschrieben von Jürgen M. Brandtner am 27. Mai 2000 14:06:31:

>>Kennt jemand eine übersetzung dieses Sonetts ...?
>Hi Markus!
>Also erstmal: nicht alles was sich bei Shakespeare reimt, ist deswegen gleich ein Sonett. Sh. Sonette sind 3x4 Zeilen + 1x2 Zeilen lang (in der Regel), die zitierte Stelle aber nur 2x4 + 1x2. Zudem ist das Reimschema seiner Sonette (alle?): abab cdcd efef gg - und bei der zitierten Stelle aabb ccdd aa. Soweit zu SONETT oder nicht.
>Und was die Übersetzung angeht, biete ich Dir folgende an (weil die Brasch Übersetzung - insel taschenbuch 1383 - mein absoluter Favorit ist):
>>> Die Fackeln brennen heller, wenn sie lacht,
>als läg sie an der Wiege dieser Nacht -
>wie ein Juwel im Ohr der Negerin.
>Zu kostbar schön, nein, keinem ein Gewinn,
>wie eine Taube, die mit Krähen zieht:
>Sie glüht, und alles um sie her verblüht.
>Nach diesem Tanz will ich mit meiner Hand
>sie streifen und sie setzen so in Brand.
>Hab ich je so geliebt, schwör ab, mein Hirn.
>Nie konnte Schönheit mich so sehr verwirrn. <<
>(ja, er hat das Reimschema nicht beibehalten ...)
>Gruß, Jürgen

Das nicht ganz gewahrte Reimschema kann man hinnehmen; dafür steht Brasch aber - wie fast immer - mit dem Inhalt auf Kriegsfuß.
TH.B.: Die Fackeln brennen heller, wenn sie lacht,
W.S.: O, she does teach the torches to burn bright
Wörtlich: Oh, sie lehrt die Fackeln hell zu brennen.

Daß sie lacht, tut sie hier ersichtlich nur deswegen, damit es sich auf »Nacht« in der nächsten Zeile reimt - nicht besonders schön, wenn man so weit vom Original weggehen muß, um den Reim zu bedienen. Kein sprachlicher Ehrgeiz, mit den Alliterationen teach/torch und burn/bright irgendetwas anzufangen.

TH.B.: als läg sie an der Wiege dieser Nacht -
wie ein Juwel im Ohr der Negerin.
W.S.: It seems she hangs upon the cheek of night
As a rich jewel in an Ethiop's ear -
Wörtl: Es scheint, sie hängt an der Wange dieser Nacht
Wie ein kostbarer Edelstein am Ohr einer Negerin.
Sowas nennt man »Metapher nicht begriffen«: Shakespeares schönes und plastisches Bild vergleicht den Edelstein, der im Ohr einer schwarzhäutigen Frau (und damit an ihrer schwarzen Wange) hängt, mit Julia, die an der schwarzen * Wange * der Nacht hängt. Außerdem rein sprachlich: wie kann man »an« einer Wiege liegen? doch wohl höchsten »in« einer Wiege. Was soll man sich darunter vorstellen, daß ein Juwel »im« Ohr der Negerin liegt? (Falsche grammatikalische Zuordnung). Und um was für eine »Wiege der Nacht« soll es sich dabei handeln?
Th.B.: Zu kostbar schön, nein, keinem ein Gewinn,
wie eine Taube, die mit Krähen zieht:
W.S.: Beauty too rich for use, for earth too dear.
So shows a snowy dove trooping with crows
Wörtl.: Schönheit zu kostbar, um sie zu benutzen, zu teuer für die Welt.
So zeigt sich eine schneeweiße Taube, die mit Krähen zieht

Wieso soll Julias Schönheit »keinem eine Gewinn«sein? (Außer, weil es sich auf »Negerin« reimen muß). Das Original meint etwa das Gegenteil: ihre Schönheit ist so teuer, daß ein Irdischer sie sich nicht leisten kann. Der Vergleich einer Frau mit Juwelen etc., die zu kostbar sind, als daß man sie tragen dürfe, war Standardmotiv in elis. Liebeslyrik.
Die Interpunktion weicht hier erheblich vom Original ab, was unter Umständen legitim sein kann. Hier entstellt aber die falsche Interpunktion den Sinn und stiftet unsinnige Zuordnungen: die »Taube, die mit Krähen zieht« ist eine Metapher, die im Original in der folgenden Zeile weitergeführt wird: so auffällig und unangemessen wie eine schöne weiße Taube unter schwarzen Krähen steht diese Frau unter den anderen Leuten (anderen Frauen). Brasch verknüpft aber inhaltlich »Zu kostbar schön, nein, keinem ein Gewinn, wie eine Taube, die mit Krähen zieht:«. Das ist inhaltlich falsch, am Gedanken des Originals gemessen. Und außerdem nicht nachvollziehbar, denn es geht sinnlos weiter: die »Krähe, die mit Tauben zieht:« wird per Doppelpunkt verknüpft mit:
Th.B.: Sie glüht, und alles um sie her verblüht.
W.S.: As yonder Lady o'er her fellows shows.
Wörtl.: Wie diese Dame dort sich unter ihresgleichen (ihren Gefährtinnen) zeigt.
Auch wenn man das (etwas schiefe) Bild einer heißglühenden Frau, die alle anderen Frauen um sich her zum Verblühen bringt, als freie Variation des Originalgedankens akzeptieren mag, ist die Doppelpunkt-Verknüpfung mit der vohergehenden Zeile »wie eine Taube, die mit Krähen zieht:« etwas seltsam: soll man sich eine glühende Taube vorstellen?
TH.B.: Nach diesem Tanz will ich mit meiner Hand
sie streifen und sie setzen so in Brand.
W.S.: The measure done, I'll watch her place of stand,
And touching hers, make blessed my rude hand.
Wörtl.: Wenn der Tanz vorbei ist, will ich beobachten, wo sie sich aufhält,
Und, indem ich ihre Hand berühre, meine eigene grobe gesegnet machen.
Es ist ganz entschieden nicht davon die Rede, daß Romeo Julia »in Brand setzen« will. Soll das heißen, daß er sie geil machen will, oder sowas ähnliches? Das ist reinster Unfug. (Außerdem »glüht« sie bei Brasch ja bereits, wie weiter oben vermerkt!)
Gemeint ist nämlich, daß Romeo sich selbst heiligen will, in dem er die Göttliche berührt. Solche überschwenglichen Metaphern, die die Frau auf ein hehres Podest stellen, sind Standardmotive der els. Lyrik; in ihnen spiegelt sich ein ganz bestimmtes, klischeehaft gewordenes Mann-Frau-Rollenverhalten, das hier deswegen nicht unwichtig ist, weil das Stück eben dieses ironisch kritisieren und verändern wird. Die »Segen«-Metapher wird außerdem kurz darauf beim Tanz wieder aufgenommen und weiterentwickelt. Die Brasch-Übersetzung ist hier - wie fast immer - eine Banalisierung und Vergröberung ( abgesehen davon, daß die Inversion von »sie setzen so in Brand« alles andere als ein sprachlich-dichterischer Glücksfall ist) .
Th.B.: Hab ich je so geliebt, schwör ab, mein Hirn.
Nie konnte Schönheit mich so sehr verwirrn.
W.S.: Did my heart love till now? Forswear it, sight.
For I ne'er saw true beauty till this night.
Wörtl.: Hat mein Herz je zuvor geliebt? Schwöre es ab, Augenlicht.
Denn ich habe niemals wahre Schönheit vor heute abend gesehen.
In Anbetracht, daß Romeo zuvor bei Rosalinde schon einzigartige Schönheit * gesehen * hatte, ist diese erneute Beteuerung, noch nie zuvor solche Schönheit * gesehen * zu haben wie jetzt bei Julia, bezeichnend für die Figur: Romeo und sein pathetisches Posieren in sprachlichen Klischees wird vom Originaltext ironisiert. Daß ihn diese Schönheit * verwirrt *, wie in der Brasch-Übersetzung, verwischt diesen Zusammenhang.
Man sollte sich von der scheinbaren Eingängigkeit der Brasch-Übersetzungen nicht täuschen lassen: ihre Wirkung und ihr Stil ist fast durchgehend mit hanebüchenen Trivialisierungen und sinnverfälschenden Simplifizierungen des Originals erreicht, meist in Verbindung mit absoluter Gleichgültigkeit gegenüber dem Blankvers (besonders in Was ihr wollt); es ist immer the easy way out - vom zum Teil grauenhaft schludrigen Deutsch (siehe obige Beispiele!) gar nicht zu reden!!!
Patrick O'Hara






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