Re: Oh! He doth, he doth ...


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Geschrieben von P. O'Hara am 28. Mai 2000 17:01:39:

Als Antwort auf: Re: Oh! He doth, he doth ... geschrieben von Jürgen M. Brandtner am 28. Mai 2000 01:36:32:

Lieber Jürgen M. Brandtner,

Ihr mea culpa kann ich meinerseits nur wiederholen: ich habe die unverzeihliche Kardinalsünde eines Literaturwissenschaftlers begangen, einen vorgelegten Text nicht zu verifizieren, und habe aus Tippfehlern Schlüsse gezogen. Da ich den Buchtext nicht zur Hand habe, weil ich im Urlaub bin, habe ich mich auf Ihren vorgelegten Text verlassen - mein Fehler. Ich werde es wahrlich nie wieder tun. Man sollte sich den Zwängen und der schnellebigen Hektik des Internets nicht so kritiklos beugen. ( Daß gerade Sie mich allerdings beschimpfen, weil ich Ihre falschen Zitate nicht kontrolliert habe, ist etwas seltsam.)
Ich nehme also beschämt alle Äußerungen zurück, die auf Ihren Schreibfehlern beruhen - behaupte aber deswegen nicht grundsätzlich das Gegenteil. Was mich zu meiner unvorsichtigen Stellungnahme veranlaßt hat, ist meine Erfahrung mit anderen Brasch-Übersetzungen, in der solcherlei Fehler nämlich durchaus häufig vorkommen. Ohne R&J daher genauer zu kennen, schienen mir diese (scheinbaren) Schnitzer auf Blick typisch. Dies ist aber selbstverständlich unzulässig und unentschuldbar.
Meine Haltung zu diesen Texten beruht auf einem Seminar in Vergleichender Literaturwissenschaft; Was ihr wollt und R3 wurden im Spiegel verschiedener älterer und neuerer Übersetzungen untersucht. Das Ergebnis habe ich - allerdings nicht in akademisch wohlgesetzter Rede - hier weitergegeben: Brasch-Übersetzungen trivialisieren. Man kann als Gegenargument anführen, daß dies eine bewußte Strategie ist, die auf erhöhte Akzeptanz eines Autors abzielt, der für große Teile gerade des jüngeren Publikums zunehmend fremder und ferner wirkt. Das entschuldigt aber nicht achtlosen Umgang mit Sprache und Reduktion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.
Es handelt sich bei meiner Einschätzung keineswegs um puristische Überzeugungen: selbstverständlich muß eine Übersetzung derart hochkomplexer Texte eigenständige Wege, eigenständige Lösungsstrategien und eigenständige Sprachen erfinden, um eine Annäherung an den Komplexitätsgrad des Originals zu erreichen; ein freier Umgang - auch inhaltlich freier Umgang! - ist oftmals geradezu Vorraussetzung für sinnvolles Übersetzen. Es muß aber in sich stimmig sein. Ebenso selbstverständlich sind andere Übersetzungen nicht über Kritik erhaben, ob es sich dabei um Fried oder Eschenburg handelt.
Es ist übrigens nicht sehr sinnvoll, jemanden, der sich beruflich mit literary criticism, also der Analyse von literarischen Texten beschäftigt, zu besseren eigenen literarischen Hervorbringungen aufzufordern, wenn einem dessen Befunde und Ansichten nicht gefallen. Man muß kein Literat sein, wenn man Literarisches beurteilt.
Aber, wie gesagt, mea culpa, und wenn er Ihnen denn so gut gefällt, wünsche ich Ihnen eben noch viel Vergnügen mit Ihrem Thomas Brasch.
P. O'Hara




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