Re: Oh! He doth, he doth ...


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Geschrieben von Jürgen M. Brandtner am 28. Mai 2000 01:36:32:

Als Antwort auf: Re: O, She doth teach the torches to burn bright ... geschrieben von Patrick O'Hara am 27. Mai 2000 17:34:36:

Hi Patrick O’Hara,

daß Du Brasch nicht magst, dafür muß man Deinen Text nicht zweimal lesen. Nur hast Du eines versäumt: Du hast, bezüglich der Originalfragestellung, vergessen, nach Deinem Verriß auch noch etwas gültiges, besseres anzubieten. Denn mit Deiner Prosaübersetzung allein ist es ja noch nicht getan.
Ich greif mal Deine vergleichende Vorgehensweise auf, und stelle für Dich noch Erich Fried (EF), Hans Rothe (HR), Wieland (W) und Schlegel (S) dazu.


TH.B.: Die Fackeln brennen heller, wenn sie lacht,
W.S.: O, she does teach the torches to burn bright
Wörtlich (POH): Oh, sie lehrt die Fackeln hell zu brennen.
EF: Sie lehrt die Fackeln brennen, hell entfacht!
HR: Vor ihr hat Kerzenlicht den Glanz verloren!
W: O, sie glänzt mehr als alle diese Fackeln zusammen genommen;
S: Oh, sie nur lehrt die Kerzen hell zu glühn!

>POH: Daß sie lacht, tut sie hier ersichtlich nur deswegen, damit es sich auf »Nacht« in der nächsten Zeile reimt - nicht besonders schön, wenn man so weit vom Original weggehen muß, um den Reim zu bedienen. Kein sprachlicher Ehrgeiz, mit den Alliterationen teach/torch und burn/bright irgendetwas anzufangen.<

Tja, mit den Alliterationen haben sie es wohl alle nicht so sehr, was? (Aber das nicht ganz gewahrte Reimschema kann man hinnehmen, ja? Nicht ganz konsequent, oder?) Und daß sie lacht? Klar, steht das nicht da – aber es ist ein Vorschlag, wodurch sie Fackeln brennen macht. So schlimm?


TH.B.: als läg sie an der Wange dieser Nacht - / wie ein Juwel im Ohr der Negerin.
W.S.: It seems she hangs upon the cheek of night / As a rich jewel in an Ethiop's ear –
Wörtl (POH): Es scheint, sie hängt an der Wange dieser Nacht / wie ein kostbarer Edelstein am Ohr einer Negerin.
EF: Als hing sie an der Wange dieser Nacht / wie an des Mohren Ohr ein edler Stein.
HR: Sie hebt sich von den Wangen dieser Nacht / wie ein Geschmeid vom Nacken eines Mohren!
W: ihre Schönheit hängt an der Stirne der Nacht, wie ein reiches Kleinod an eines Mohren Ohr:
S: Wie in dem Ohr des Mohren ein Rubin, / so hängt der Holden Schönheit an den Wangen

>POH: Sowas nennt man »Metapher nicht begriffen«: Shakespeares schönes und plastisches Bild vergleicht den Edelstein, der im Ohr einer schwarzhäutigen Frau (und damit an ihrer schwarzen Wange) hängt, mit Julia, die an der schwarzen * Wange * der Nacht hängt. Außerdem rein sprachlich: wie kann man »an« einer Wiege liegen? doch wohl höchsten »in« einer Wiege. Was soll man sich darunter vorstellen, daß ein Juwel »im« Ohr der Negerin liegt? (Falsche grammatikalische Zuordnung). Und um was für eine »Wiege der Nacht« soll es sich dabei handeln?<

Erstens: Ich habe mich vertippt! Brasch hat WANGE geschrieben. Sorry!
Zweitens: Ein Kritiker, der verreißen möchte, sollte sich die Mühe machen, etwas zu hinterfragen, zu recherchieren, wenn etwas derart unmöglich ist, bevor er drauf los drischt. (Aber da bist Du in 'guter' Gesellschaft; passiert jeden Tag in der Theaterbranche.)
Drittens: Wieso schreibst Du (wie übrigens auch Schlegel und – oder ist mein Englisch so heruntergekommen? - Shakespeare) IM OHR, wenn es grammatikalisch falsch ist und kein Bild ergibt? Auch hier sollte ein Kritiker mit gutem Beispiel voran gehen.
Viertens: Der ganze Kritikpunkt erlischt.


Th.B.: Zu kostbar schön, nein, keinem ein Gewinn, / wie eine Taube, die mit Krähen zieht:
W.S.: Beauty too rich for use, for earth too dear. / So shows a snowy dove trooping with crows
Wörtl.(POH): Schönheit zu kostbar, um sie zu benutzen, zu teuer für die Welt. / So zeigt sich eine schneeweiße Taube, die mit Krähen zieht
EF: Schönheit zu reich! Für diese Welt zu rein! / Wie eine Taube, schneeweiß unter Krähen,
HR: Ward soviel Schönheit je der Welt entfacht? / Was in dem Schwarm der Krähn die weiße Taube
W: Und welch eine Schönheit! Sie ist zu reich zum Gebrauch, und zu kostbar für diese Erde. So glänzt die schnee-weisse Daube aus einem Schwarm von Krähen,
S: der Nacht; zu hoch, zu himmlisch dem Verlangen. / Sie stellt sich unter den Gespielen dar

>POH: Wieso soll Julias Schönheit »keinem eine Gewinn«sein?<

Ha! Nicht nur ich vertippe mich!

>POH:(Außer, weil es sich auf »Negerin« reimen muß). Das Original meint etwa das Gegenteil: ihre Schönheit ist so teuer, daß ein Irdischer sie sich nicht leisten kann. Der Vergleich einer Frau mit Juwelen etc., die zu kostbar sind, als daß man sie tragen dürfe, war Standardmotiv in elis. Liebeslyrik.<

Das kann man ja wohl so oder so sehen. Wenn ich mir etwas nicht leisten kann, ist es mir auch kein Gewinn. Denn ich habe es ja nicht. Aber wie gesagt: Geschmacksache.

>Die Interpunktion weicht hier erheblich vom Original ab, was unter Umständen legitim sein kann. Hier entstellt aber die falsche Interpunktion den Sinn und stiftet unsinnige Zuordnungen: die »Taube, die mit Krähen zieht« ist eine Metapher, die im Original in der folgenden Zeile weitergeführt wird: so auffällig und unangemessen wie eine schöne weiße Taube unter schwarzen Krähen steht diese Frau unter den anderen Leuten (anderen Frauen). Brasch verknüpft aber inhaltlich »Zu kostbar schön, nein, keinem ein Gewinn, wie eine Taube, die mit Krähen zieht:«. Das ist inhaltlich falsch, am Gedanken des Originals gemessen.<

Hier gebe ich Dir Recht – zumindest insofern, als man verlangt, daß ein Schriftsteller, der eine Übersetzung fürs Theater dichtet, unabdingbar dazu angehalten ist, Bild für Bild zu RE-produzieren. Wenn man dies nicht von ihm verlangt (und gerade Shakespeare hätte wohl kaum etwas dagegen gehabt, da er ja auch genug Vorlagen UM-gedichtet hat), dann darf er, wenn ihm ein anderes taugliches Bild durch den Kopf schießt, durchaus auch mal freier arbeiten. (Meine Meinung!!!)


Th.B.: Sie glüht, und alles um sie her verblüht.
W.S.: As yonder Lady o'er her fellows shows.
Wörtl. (POH): Wie diese Dame dort sich unter ihresgleichen (ihren Gefährtinnen) zeigt.
EF: ist sie unter den anderen Fraun zu sehen. -
HR: ist sie im Reigen all der Fraulichkeit.
W: wie dieses Fräulein unter ihren Gespielen glänzt.
S: als weiße Taub in einer Krähenschar.

>POH: Auch wenn man das (etwas schiefe) Bild einer heißglühenden Frau, die alle anderen Frauen um sich her zum Verblühen bringt, als freie Variation des Originalgedankens akzeptieren mag, ist die Doppelpunkt-Verknüpfung mit der vohergehenden Zeile »wie eine Taube, die mit Krähen zieht:« etwas seltsam: soll man sich eine glühende Taube vorstellen?<

Also könntest Du Dich unter Umständen mit dichterischer Freiheit anfreunden !?
Übrigens: Brasch hat 'Sie' mit großem S geschrieben. Folglich meint er Julia und nicht die Taube, welche glüht!!! (Gehört ins Umfeld der Interpunktion: Groß-/Kleinschreibung nach Doppelpunkt.)


TH.B.: Nach diesem Tanz will ich mit meiner Hand / sie streifen und mich setzen so in Brand.
W.S.: The measure done, I'll watch her place of stand, / And touching hers, make blessed my rude hand.
Wörtl.(POH): Wenn der Tanz vorbei ist, will ich beobachten, wo sie sich aufhält, / Und, indem ich ihre Hand berüh-re, meine eigene grobe gesegnet machen.
EF: Nach diesem Tanz steht sie dort an der Wand. / dann segne ihre Hand auch meine rauhe Hand!
HR: Wäre der Tanz vorbei! Daß ich mir raube / den Händedruck der meine Unrast weiht!
W: Wenn der Tanz vorbei ist, will ich mir den Platz merken, wo sie steht, und ihr meine Hand geben. Welch eine Glückseligkeit ihre Hand zu berühren!
S: Schließt sich der Tanz, so nah ich ihr; ein Drücken / der zarten Hand soll meine Hand beglücken.

>Es ist ganz entschieden nicht davon die Rede, daß Romeo Julia »in Brand setzen« will. Soll das heißen, daß er sie geil machen will, oder sowas ähnliches? Das ist reinster Unfug. (Außerdem »glüht« sie bei Brasch ja bereits, wie weiter oben vermerkt!)
Gemeint ist nämlich, daß Romeo sich selbst heiligen will, in dem er die Göttliche berührt. Solche überschwengli-chen Metaphern, die die Frau auf ein hehres Podest stellen, sind Standardmotive der els. Lyrik; in ihnen spiegelt sich ein ganz bestimmtes, klischeehaft gewordenes Mann-Frau-Rollenverhalten, das hier deswegen nicht unwichtig ist, weil das Stück eben dieses ironisch kritisieren und verändern wird. Die »Segen«-Metapher wird außerdem kurz darauf beim Tanz wieder aufgenommen und weiterentwickelt.<

Mea culpa, mea maxima culpa!!! Nicht sie, ... MICH SETZEN IN BRAND ... !!! (Brasch, vergib mir!)

> Die Brasch-Übersetzung ist hier - wie fast immer - eine Banalisierung und Vergröberung.<

Ist also egal, was Herr Brasch schreibt – oder ein anderer VER-tippt!?


Th.B.: Hab ich je so geliebt, schwör ab, mein Hirn. / Nie konnte Schönheit mich so sehr verwirrn.
W.S.: Did my heart love till now? Forswear it, sight. / For I ne'er saw true beauty till this night.
Wörtl.(POH): Hat mein Herz je zuvor geliebt? Schwöre es ab, Augenlicht. / Denn ich habe niemals wahre Schönheit vor heute abend gesehen.
EF: Liebte mein Herz bis heut? Nein, nein, noch nie. / Nie sah ich wahre Schönheit; jetzt erst: sie.
HR: O Liebestraum, wie karg war Dein Bemühen: / die Liebeswahrheit will erst heute glühen.
W: Nein, ich habe noch nie geliebt - - Schwör es, mein Auge; vor dieser glücklichen Nacht wußtest du nicht, was Schönheit ist.
S: Liebt ich wohl je? Nein, schwör es ab, Gesicht! / Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht.

>In Anbetracht, daß Romeo zuvor bei Rosalinde schon einzigartige Schönheit * gesehen * hatte, ist diese erneute Beteuerung, noch nie zuvor solche Schönheit * gesehen * zu haben wie jetzt bei Julia, bezeichnend für die Figur: Romeo und sein pathetisches Posieren in sprachlichen Klischees wird vom Originaltext ironisiert. Daß ihn diese Schönheit * verwirrt *, wie in der Brasch-Übersetzung, verwischt diesen Zusammenhang.<

Geb ich Dir aus dem Bauch heraus Recht.

>Man sollte sich von der scheinbaren Eingängigkeit der Brasch-Übersetzungen nicht täuschen lassen: ihre Wirkung und ihr Stil ist fast durchgehend mit hanebüchenen Trivialisierungen und sinnverfälschenden Simplifizierungen des Originals erreicht, meist in Verbindung mit absoluter Gleichgültigkeit gegenüber dem Blankvers (besonders in Was ihr wollt); es ist immer the easy way out - vom zum Teil grauenhaft schludrigen Deutsch (siehe obige Beispiele!) gar nicht zu reden!!!<

Okay, wir haben es alle verstanden: THOMAS BRASCH IST SCH...!!! Gut!
So, und jetzt kritisier mal auch noch die anderen – und dann vergiß nicht eine eigene Übersetzung, adäquat zu Shakespeares Reimen, Versmaß, Interpunktion etc., anzubieten!!! Denn übersetzen ist ja soooo leicht. Nicht wahr, Patrick O'Hara?

Jürgen





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