Re: Oh! She doth ...
[ http://william-shakespeare.de - Das Forum ] Geschrieben von Juliet am 28. Mai 2000 13:38:09:
Als Antwort auf: Oh! She doth ... geschrieben von Jürgen M. Brandtner am 28. Mai 2000 12:56:40:
>Hallo Juliet!
>Soll ich Dir jetzt Deinen Schlegel verreißen? *grins*
>Nein - mach ich nicht. Keine Angst. Da fühle ich mich auch nicht kompetent. Und mein Gefühl ist ja nicht Deines. ;-)
>Aber gerade deswegen noch ne Frage:
>Hältst Du seine Fassung (des gesamten Stücks) nicht für ein bißchen sehr harmlos? Ich meine: das Original ist doch ziemlich gespickt mit Anzüglichkeiten, die er (auch Wieland) ausgespart hat. Fehlt Dir da nichts? Ich frag da aus beruflichem Interesse. Genügt Frau von heute die nur romantisierende Fassung von Schlegel - oder sollte es nicht doch ein bißchen mehr sein?
>Würde mich über eine Antwort freuen.
>Gruß, JürgenHallo Jürgen!
Das finde ich echt gut, dass du mich fragst, weil ich mir die Brasch-Übersetzung nämlich auf deinen Tip hin gekauft habe!
Ich hab mir Brasch jetzt erst einmal durchgelesen und kann deshalb noch nicht mit großem Überblick zitieren. Ich denke im Moment, dass er es gut draufhat, das "Feeling" rüberzubringen, das damals auch Shakespeare bewirkt hat, als seine Sprache wirklich noch gesprochen wurde. Das liegt wohl daran, dass er einfach versucht, Shakespeare unserer modernen Sprache anzugleichen. Und das kriegt er ganz gut hin, z.B. wenn er die Amme wegen ihres geringen Wortschatzes immer wiederholen lässt: "Wie's so schön heißt". Da ist er dann auch oft ziemlich freizügig mit seiner Übersetzung.
Bei einigen Stellen hab ich gedacht, ja das bringt Pep rüber (Zitat "Hochzeitsbrimborium" von Capulet). Denn du sagst ganz richtig, dass Schlegel bei solchen Stellen oft (aus "moralischen" Bedenken?) kapituliert hat.Andererseits fühlte sich Schlegel meiner Ansicht nach wohl mehr zur Genauigkeit verpflichtet. Manchmal ist mir Brasch einfach zu frei und verändert eben auch die originale Aussage zu sehr.
Gerade fällt mir ein Stück in die Augen, das Schlegel nicht übersetzt hat:Mercutio singt, um die Amme zu veralbern:
An old hare hoar,
And an old hare hoar,
Is very good meat in Lent.
But a hare that is hoar
Is too much for a score
when it hoars ere it be spent.Shakespeare spielt mit den Homophonen "hoar" = Hase und "Whore"= Hure.
Wörtliche Übersetzung nach Geisen:Ein alter grauer Hase
und ein alter grauer Hase
Ist sehr gutes Fleisch in der Fastenzeit.
Aber ein Hase der heiser ("schimmliggrau" nach Gundolf) ist,
ist zu teuer für zwanzig,
wenn er grau wird, bevor er verbraucht ist.Brasch:
Hurri Hurra Hurree
ging nackt bis auf die Zeh
aufs Fies aufs Faas aufs Fest
dort gab man ihr den Rest
Hurri Hurra Hurree
die legten sie in Schnee
und taten ihr sehr weh
Sie zahlten, daß sie geh
Hurri Hurra Hurree
die alte fette Fee.Ich weiß wirklich nicht, warum er das macht! Gut, man kann sagen, dass es hier ein Lied ist und die Handlung nicht von der Übersetzung abhängt, aber ich finde, er sollte schon noch darauf achten, ob er die Aussage nicht verfälscht.
Was mir an Schlegel (an dem ich wohl schon auch aus romantischen Gründen hänge ;-) ) auch gefällt, ist, dass sein Deutsch heute auch etwas veraltet ist. Damit hat es wohl auf die deutschen Leser eine ähnliche Wirkung, wie sie Shakespeare heute auf die englisch sprechende Bevölkerung hat.
Und noch zu der Frage, ob mir die Anzüglichkeiten fehlen: Als ich die Bemerkungen zur Schlegel-Übersetzung das erste Mal gelesen habe, fand ich es schon frech, dass er da einfach einige Stellen weggelassen hat, ohne mich zu fragen!
Das regt mich sowieso immer auf, wenn Übersetzer da eigenmächtig zu Werke gehen und nicht angeben, dass sie was weggelassen haben.
Aber es hat mich gelehrt, auch wirklich wenn möglich im Original nachzugucken oder sich noch eine andere Übersetzung anzuschauen, wenn es einem wichtig ist.Es ist klar, dass dann jeder aus verschiedenen Gründen "seine" Lieblingsübersetzung hat.
Mit liebem Gruß, Juliet