Re: Adressaten der Sonette
Geschrieben von Imogen am 04. März 2004 09:52:36:
Als Antwort auf: Re: Adressaten der Sonette geschrieben von Jürgen am 03. März 2004 11:15:06:
>>>Hallo Forumsgemeinde,
>>>kürzlich gab es hier einen Thread, in dem die Adressaten der Sonette (junger Mann/dunkle Dame) erörtert wurden. Es ging um die gängige Einteilung der Sonette in einen einem jungen Mann und einem (ab Sonett 127) einer dunklen Dame gewidmeten Teil. Wobei bei vielen Sonetten nicht eindeutig festzustellen ist, ob sie einem Mann oder einer Frau gewidmet sind.
>>>Bei der Lektüre ist mir eine Sache aufgefallen und ich wüsste gerne Eure Meinung dazu:
>>>Die der Dame gewidmeten Sonette erscheinen mir um einiges derber, handfester, sexueller zu sein als die Sonette 1 - 126. Im ersten Teil der Sonette erscheint mir die angebetete Person mehr auf ein Podest gehoben zu werden, die Liebe nimmt hier mehr die Form der mittelalterlichen Minne ein. Bei den an die Dame gerichteten Sonetten wird hinsichtlich der körperlichen Liebe ein deutlicherer Ton angeschlagen, z.B. in Sonett 129 oder Sonett 128:
>>>"Since saucy jacks so happy are in this,
>>>Give them thy fingers, me thy lips to kiss."
>>>Wie denkt Ihr darüber?
>>>Gruß
>>>Imogen
>Aha, liebe Imogen,
>du kommst mit einer Mahnung! Dass ich dir nicht gestern schon geantwortet habe, liegt nur daran, dass ich mich nicht immer mit diesen Sachen hier so vordrängen will - und käme es dir jetzt nur auf eine Stellungnahme von mir an, könntest du ja auch einen anderen Weg beschreiten. Aber wenn du jetzt mahnst...!
>Wir sollten erst mal "adressieren" und "widmen" auseinander halten, das wird gelegentlich synonym gebraucht, ist es aber nicht. Die Sonette richten sich an jemanden, genauer an vermutlich zwei zu denkende Personen, einen Mann und eine Frau, das ist also ein im Text steckender Zusammenhang. Aber sie sind auch "gewidmet", nämlich einem mysteriösen Herrn "W.H.", diesem sog. "only begetter", was immer das zu bedeuten hat. Der kann identisch sein mit dem in den S. angeredeten Mann, aber keiner weiß eben irgendwas Genaues, und wahrscheinlich ist eine solche Identität nicht. Wir tun also gut daran, diesen Herrn "draußen" in der Welt zu lassen, während die Gedicht-Adressaten "drinnen" in den Gedichten bleiben (sollten), obwohl man ja auch diese auf historische Personen abzubilden versucht hat. (Ja , so geht's halt! Hat Goethe nun mit Marianne von Willemer - oder hat er nicht?)
>Zweitens muss man sich einfach mal klarmachen, dass diese 154 Sonette einem bestimmten literarischen Diskurs angehören, der "petrarkistischen Sonett-Literatur". (Eine Sonett von Poe oder von Rilke gehört dahin nicht!) Das heißt eben, was ich neulich schon hier zu erklären versucht habe: Sh. leistet einen poetisch-denkerischen Beitrag zu einer bestimmten Sorte Lyrik, die man mal versuchshalber als eine Art Minnesang der frühen Neuzeit beschreiben kann. (Wie der Petrarkismus also auf einen literarischen Typus des hohen Mittelalters zurückgreift, greift z.B. der deutsche Minnesang des 13. Jhdts. auch auf die Renaissance vor! Man muss sehr vorsichtig sein, mit bewertenden Zuschreibungen zu "Epochen"! In Italien überschneidet sich das dann.)
>Nun ist aber Shakespeare nicht Petrarca oder Lope oder Ronsard, d.h. er imitiert natürlich nicht, was er da (auch bei seinen englischen Zeitgenossen) vorfindet, sondern er verwendet es in völlig neuer und eigenständiger Weise, wie das eben "Genies" (hallo, Rene!) so machen. Das ist nun ein schönes Anschauungsbeispiel für die Übersetzungsdebatte, die gestern hier geführt wurde: Alle petrarkistischen Dichter schreiben von einander ab, dass es kracht, imitieren einander, argumentieren gegeneinander, parodieren einander, übersetzen einander, d.h. sie haben alles andere als unserern "Originalitäts"-Begriff oder unsere "Übersetzungs"-Ideologie (hallo, Marrano!).
>Was ereignet sich nun bei Shakespeare? Ich hab das neulich schon ausgeführt: Er bleibt innerhalb dieses "petrarkistischen Diskurses" und verlässt ihn doch zugleich. Das Kunststück gelingt durch literarische Mittel (Parodie/Palinodie) und durch die allerdings schon ausgesprochen bemerkenswerte dichterische Potenz dieses Herrn. Das Literarische ist leichter erklärt als das Persönliche. In jedem Sonetten-Zyklus stand bisher als verklärtes erotisches Ideal eine schöne junge Frau am Himmel, der sich der Dichter asymptotisch zu nähern unternahm. Der Bricht darüber, dass er sie will, aber garantiert nicht kriegt, und warum das so sein muss, war der dichterische Reiz dran. Sh. nun dreht das zweimal herum: Er wartet zunächst mit der ungeheuren Provokation auf (denn das Elisabethanische Zeitalter war keinesfalls eine Subkultur von schwulen Schwuchteln), die "Madonna Laura" zu einem entsprechend himmlisch überhöhten jungen Mann zu machen. Auf die Idee ist außer ihm einfach keiner gekommen, - aus sozialer Feigheit und aus abwesender Kreativität. Dass zur Verwirklichung dieser Idee tatsächlich Mut gehörte, sieht man schließlich bis heute, denn selbst in diesem Forum fragen täglich Irritierte an, ob Shakespeare denn homosexuell gewesen sei; das wird ernsthaft diskutiert (auch wenn es nicht viel literarische Sachkenntnis verrät). Genau das Reziproke zu dieser Idee fügt Sh. nun noch hinzu, - nicht minder, ja vielleicht noch mehr, provozierend und irritierend: die "Madonna Laura", kommt sie denn, scheinbar, doch noch einmal vor, wird nun nicht mehr im Gewand ihrer zahlreichen standardisierten Schönheitsmerkmale gezeigt, sondern geradezu gegenteilig. Alles ist nun "hässlich" an ihr - und trotzdem liebt sie das "Ich" der Gedichte, ja eröffnet sich gerade dadurch einen Weg zu ihr, der dem Laura-Lover verwehrt blieb. Sonett 141, worüber wir gestern sprachen, ist das schöne Beispiel dafür, aber die andern auch.
>Nimmt man nun diese Überlegung zum Auswahlkriterium darüber, welche Gedichte an einen Mann und welche an eine Frau gerichtet sind, so ist, wie wir sehen, die originalreihen 1-126, 127-152 genau die richtige. Aber wie gesagt: An einen "richtigen" Mann und/oder an eine "richtige" Frau richten sich alle nicht! Es handelt sich um ein literarisches Gesellschaftsspiel. Dass bei soviel Künstlichkeit, wie wir Heutigen zu sagen versucht sind, dann doch soviel dichtgepackte "Lyrizität" entsteht, auch poetische Wahrheit und geradezu unglaublicher gedanklicher Tiefgang, das eben ist das Wunder dieser Sonette. (Ein vergleichbares Phänomen bietet Walther von der Vogelweide im Deutschen des 13. Jahrhunderts.)
>Lyrik-´Diskurse wie dieser (wie auch der Minnesang) ermöglichen etwas, was sonst nicht geht: authentische Leistung in der Parodie. Parodiert Mörike, ist das nur lustig, will Mörike ernsthaft lyrisch ergreifen, darf er nicht parodieren. Bei Shakespeare war das zum letzten anders möglich.
>JürgenGuten Morgen lieber Jürgen,
vielen Dank für Deine ausführliche Antwort. Ich hatte in der Tat den Eindruck, dass mein Posting in der derzeitigen Übersetzungs-Debatte untergeht.
Dass die Sonette sich nicht an einen "richtigen" Mann oder eine "richtige" Frau richten, das glaube ich auch nicht. Dass die Einteilung der Sonette in 2 Teile logisch erscheint, hast Du mir mit Deinem Posting bestätigt. Ich finde, dass die an die Dame gerichteten Sonette einen ganz anderen Charakter haben als die Sonette des ersten Teils.
Wobei ich offen gesagt mit 3 der Sonette nicht viel anfangen kann, und zwar mit der 145 sowie den 2 letzten. Die finde ich im Vergleich zu den anderen des 2. Teils als etwas banal.Ich hoffe, ich werde jetzt dafür nicht gesteinigt.....
Gruß
Imogen
- Re: Adressaten der Sonette Jürgen 04.3.2004 12:34 (0)