Die Sonne selbst sieht erst, wenn Dunst zerrinnt
Geschrieben von Anna am 27. Juli 2004 13:51:13:
Als Antwort auf: Suche ganzes Gedicht zu einer Zeile - Danke geschrieben von Timo Langemeyer am 26. Juli 2004 22:40:17:
>Hallo,
>aus welchem Gedicht oder Buch von Shakespeare stammt dieser Text:
>"Die Sonne selbst sieht erst, wenn Dunst zerrinnt"
>Soll zumindest laut dem Film "Der Prinz und ich" von ihm stammen. Wie interpretiert ihr diese Zeile eigentlich.
>Find sie total schön - aber würde gern mehr davon lesen.
>TimoDer Schlüsssel zum Verständnis des Verses liegt in den Vorstellungen, die man zu Shakespeares Zeiten vom SEHEN hatte. Damals dachte man, die menschlichen Augen wären so etwas wie Taschenlampen, kleine Strahlenquellen, die umso heller leuchten, je stärker die Seele, die damals noch im Herz wohnte, brennt. ("Strahlende Augen" sagt man ja noch heute. Wer mit "Deine Netzhaut reflektiert so schön" beim anderen Geschlecht punkten möchte, landet wohl eher auf den hinteren Rängen.) Wenn dann zwei Menschen mit ihren Augenscannern die Welt abtastend aufeinander gerieten, die Blicke nicht mehr voneinander lassen konnten, dann kam es -nach damaliger Vorstellung- zu einer Art Bio-Feedback mit Interferenzen, die das Herz, die Seele und das Blut zumindest erwärmen oder aber zum Kochen bringt. Liebe!
Da "Der König und ich" eine romantische Komödie ist, (dh. ein Mädchenfilm), noch dazu von der "Sex & The City"-Regisseurin Martha Coolidge, geht es -das ist anzunehmen- um Liebeleien zwischen Prinz und schöner Maid von niederem Stand. (niedere Minne)
Ich rate mal: Entweder ist die Sonne das Bild für den Prinzen Eddie, der höflich darauf aufmerksam gemacht wird, dass sein Urteilsvermögen in den frühen Morgenstunden durch Alkoholkonsum o.ä. getrübt war. Die Sonne als hellster "Planet" am Himmel entspricht dann dem Rang des Prinzen auf der Erde.
Oder schöner: Es ist das Bild für die Bürgerliche Paige Morgan (Wird Julia Stiles die nächste Julia Roberts?), denn als Schönheit überstrahlt ihre Sonne alle anderen Sternchen am Himmelszelt und ist das, was der Prinz ständig vor Augen hat, so er denn seinen adeligen Verpflichtungen nachkommt. Der Dunst ist dann natürlich etwas, was ihre Wahrnehmung trübt und der Prinz möchte ein Missverständnis aus dem Weg räumen.
Das Bild der Sonne für die Geliebte kommt natürlich bei Shakespeare vor, auch die "sehende" Sonne. Wahrscheinlich wurde in den Synchron-Studios einfach neu übersetzt, ohne eine Shakespeare-Übersetzung heranzuziehen, aber durchaus gelungen, wofür deine Begeisterung spricht.Dagegen spricht, dass das Metrum passt.
grüße