Re: Geist in Hamlet
Geschrieben von Anna am 27. Juli 2004 02:45:07:
Als Antwort auf: Geist in Hamlet geschrieben von Linda am 25. Juli 2004 14:16:50:
>wer hat sich schon mal Gedanken über den Geist in Hamlet gemacht? Hat er noch weitere Funktionen für das Stück, außer dass er Hamlet von dem Mord erzählt, ihn zur Rache auffordert und durch sein Erscheinen Hamlets Weltbild ins Schwanken bringt?
Ach die Funktionen f(Geist)d(Hamlet - das Drama) und f(Geist)d(Hamlet - der Character).
Wenn der Geist auf der Bühne sagt »Ich bin es, Old Hamlet. Ermordet wurde ich, räche du mich, Hamlet Jr.« dann ist das keine "Funktion" sondern schlichte Handlung. Wenn er Hamlets Weltbild ins Wanken bringt, den Studienabbrecher der Uni Wittenberg, damals ganz oben im Uni-Ranking der nicht-päpstlichen Christenheit, wo gerade Dantes Inferno und die gesamten zwischenweltlichen Wesenheiten vom Geist zum Unteroberengel gecancelt wurden, dann ist das eine Funktion. Aber für Hamlet, den Prinzen.
Für das Stück, für die Dramaturgie bedeutet eine Gespensternummer gleich am Anfang: Spannung, Horror, Action, Special FX. Ein Gekreische im Publikum, wie der Auftritt des Krokodils im Kasperle-Theater. Was wäre Doc Oc ohne seine Greifarme? Ein langweiliger Mad Scientist mehr.
Außerdem: Es strafft die Handlung. Der Geist spart das ganze Vorspiel, die Prologe fallen weg, all dieser ganze Firlefanz, der Goethes Faust so unaufführbar und (als Schauspiel nicht als Lesestoff) langweilig macht. Der Geist ist "Mauerschau" (Teichoskopie) und Botenbericht in einem. »Fang mit einem Erdbeben an, und dann langsam steigern« ist eine alte Autorenweisheit. Der Geist ist so ein Erdbeben. Und das Shakespeare diesen Trick schon beherrschte ist vielleicht auch ein Grund, warum er heute noch gelesen und gespielt wird.
MfG